»Mäh!«
Momo machte einen Buckel und fauchte mehrmals, doch das Schaf ignorierte die Warnung. Unbeeindruckt kam es näher, weshalb Momo als der Klügere nachgab. So schnell die arthritischen Gelenke des Katers es zuließen, räumte er seinen Aussichtsplatz auf der Fensterbank. Früher wäre er anmutig heruntergesprungen und federnd gelandet. Aber er war schon lange kein geschmeidiger junger Hüpfer mehr. Wenig elegant plumpste er auf die Holzdielen und huschte unter den blauen Sessel, in dem Sefa saß. Es war ihr gemütlicher Lieblingssessel und sie hatte eben erst darin Platz genommen, um vor dem Eintrudeln ihrer Freundinnen noch ein paar Seiten zu lesen.
»Momo, du bist und bleibst eine Bangbüx. Allmählich solltest du wissen, dass Gerti harmlos ist. Sie tut dir nichts.«
Gerti hatte inzwischen das Fenster erreicht, das zum Stoßlüften weit geöffnet war. Sie blökte noch einmal und glotzte erwartungsvoll in die Wohnstube.
Mit einem resignierten Seufzer legte Sefa ihr Buch beiseite. »Na, Gerti, du willst eine Möhre, nehme ich an? Aber heute gibt es wirklich nur eine. Zu viel Gemüse bekommt dir nicht.«
Als Sefa aufstand, hörte sie ihre Kniegelenke knirschen. Von Anmut, Geschmeidigkeit und Eleganz konnte auch bei ihr keine Rede mehr sein. Kein Wunder, waren der rote Kater und sie doch fast gleichaltrig. Momo war kürzlich vierzehn geworden, Sefa siebzig. Angeblich alterten Katzen im ersten Lebensjahr um fünfzehn, im zweiten und dritten Jahr um jeweils sechs und danach um je vier Menschenjahre – also kam die Rechnung ungefähr hin.
Bei Schafen verhielt es sich bestimmt ähnlich, überlegte Sefa, während sie in die Küche ging. Gertis genaues Alter kannte sie nicht, aber zweifellos waren sie und ihre beiden Artgenossinnen Flocke und Plüsch steinalt. Außer ihnen hatte Derk noch mehrere zerrupfte Legehennen und einen klapprigen Hahn bei sich aufgenommen. »Weißt du, wir beide passen wirklich gut auf Derks Gnadenhof«, ließ sie den Kater an ihren Gedanken teilhaben, nachdem sie in die Wohnstube zurückgekehrt war. Er schien sich keinen Millimeter bewegt zu haben, starr vor Angst kauerte er unter dem Sessel. »Aber uns muss er nicht durchfüttern, Bangbüx. Außerdem zahlen wir Miete.«
Sefa hatte eine knackig frische Bundmöhre in Stücke geschnitten und auch das Möhrenkraut mitgenommen. Mit diesem wedelte sie nun, was das Schaf dazu animierte, eine Serie von Mähs und Möhs auszustoßen. Die vorfreudigen Laute endeten abrupt, als sie Gerti das Grünzeug vors Maul hielt. Mit seinen langen, schiefen Zähnen schnappte das Schaf danach, zermalmte das Kraut grob und schlang es herunter. Als Nächstes wanderten die Möhrenstücke in den Magen. Genau genommen in den Pansen, wie Derk neulich erklärt hatte. Schafe besaßen als Wiederkäuer mehrere Mägen. Die erste Station war der Pansen.
Nachdem Gerti alles vertilgt hatte, blökte sie erneut. Schließlich dämmerte ihr, dass es keinen Nachschlag geben würde, und sie zog ab. Sefa schloss das Fenster, damit die Stube nicht noch mehr auskühlte. Draußen war es ziemlich frisch, und die düsteren Wolkengebilde am Himmel verhießen wenig Gutes. Gleich würde es wieder pladdern. Sie blieb noch ein Weilchen stehen und sah Gerti hinterher, die auf die Wiese hinter dem Haus zurücktrottete, wo Flocke und Plüsch grasten. Sefa liebte den Ausblick ins Grüne. Derks großes, rundum von hohen Hecken umgebenes Anwesen lag nicht weit entfernt vom Lintelermarscher Deich. Dahinter erstreckten sich saftig grüne Weiden, gesäumt von schmalen Schilfgürteln.
Vor dem touristischen Aufblühen der Küstenregion rund um Norden hatte Norddeich zu Lintelermarsch gehört. Seit Anfang der Siebzigerjahre verhielt es sich umgekehrt. Denn während Norddeich zum staatlich anerkannten Nordseebad aufgestiegen war, hatte Lintelermarsch immer mehr an Bedeutung verloren. Vereinzelte Häuser, weit verstreute Höfe, jede Menge Ackerland und Viehweiden – das war im Grunde alles. Es gab keine Unterkünfte für Urlaubsgäste, abgesehen von einigen Ferienwohnungen in einem ehemaligen Gulfhof. Wenn Auswärtige sich hierher verirrten, waren sie fast immer falsch abgebogen. Sie wollten dann meist zu den Inselfliegern, einem kleinen Flugplatz in der Nähe. Von dort wurden in der Saison Juist, Wangerooge und andere ostfriesische Inseln angeflogen. Manche kamen auch bei Ausflügen ins Marschland oder auf der Suche nach dem roten HolzpfahlDe Roo-Paal, der die alten Deichgrenzen von Ostermarsch und Lintelermarsch markierte, hier vorbei.
In ihre Betrachtungen versunken hatte Sefa nicht auf die Zeit geachtet, nun warf sie einen Blick auf die Uhr. Schon zwanzig vor drei – es lohnte sich kaum mehr, den Krimi noch einmal aufzuschlagen. Edith stand für gewöhnlich eine Viertelstunde zu früh auf der Matte, Gunda und Rita schellten um Punkt drei Uhr und Derk kam, wenn alle da waren, innerhalb der nächsten fünf Minuten herunter.
Aus unerfindlichen Gründen hatte der Mann es sich im vergangenen Winter in den Kopf gesetzt, stricken zu lernen. Sefa konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, denn er besaß keinerlei Talent. Über einen Schal und ein Paar Handwärmer war er bisher nicht hinausgekommen, weil er ständig Maschen aufribbeln musste. Dennoch ließ er sich nicht entmutigen und erschien zu jedem Treffen, sodass der Strickzirkel mit ihm nun ein halbes Dutzend Mitglieder zählte.
Conni war meistens die Letzte. Sie schloss ihr Wollgeschäft samstags schon um zwei Uhr, aber die Kundschaft ignorierte das gern. Außerdem bezahlten viele mit Münzen, weshalb der Kassenabschluss länger dauern konnte. Darum gesellte Conni sich in der Regel mit einiger Verspätung zu ihnen.
Um viertel nach vier war der Strickzirkel immer noch nicht komplett: Conni fehlte nach wie vor. Rita schien mit ihrer Geduld am Ende zu sein, so nervös rutschte sie auf ihrem Stuhl herum. Sie wohnte in Aurich, war über Conni zum Strickzirkel gestoßen und mit fünfzig Jahren die Jüngste im Bunde. Eine rothaarige Powerfrau mit üppigen Rundungen, glücklich verheiratet, Mutter von Zwillingsmädchen im Teenageralter. Eine Strickfluencerin, wie sie es nannte. Mit ihrem Instagram-Account und dem Etsy-ShopRitas Maschen verdiente sie wesentlich mehr als ein Taschengeld. Angewiesen war sie darauf ebenso wenig wie auf die Einkünfte als Urlaubsvertretung und Aushilfe in Connis Wollstuuv. Ihr Mann Ole, ein renommierter Kardiologe, konnte die Familie problemlos allein ernähren. Aber Rita war nicht der Typ Frau, die sich mit der Rolle als treusorgendes Eheanhängsel und Mutter zufriedengab. Außerdem gönnte sie sich gerne ab und zu was, ohne darüber Rechenschaft ablegen zu wollen.
»Wo steckt sie denn nur?«, schimpfte Rita und startete den dritten Versuch, Conni telefonisch zu erreichen. Den Grund für ihre Ungeduld kannten alle. Rita hatte freudestrahlend erzählt, die vegane Wolle in den Trendfarben Erdbeere und Caramel, die sie in der Wollstuuv bestellt hätte, sei nach langen Lieferschwierigkeiten endlich angekommen und Conni würde sie heute mitbringen.
Aus Rücksicht auf Rita, die ohne ihre Wolle nicht anfangen konnte, hatte bisher niemand das Strickzeug hervorgeholt. Stattdessen saßen sie gemeinsam am Tisch, tranken Tee und klönten. Hauptthema war – neben Connis Verspätung – das nasse und kalte Wetter. Gunda nahm es zum Anlass, im schönsten ostfriesischen Platt zu klagen: »Wat`n Schietweer weer, regn`t unnert Döör dör.«
Was für ein Schietwetter wieder, es regnet unter der Tür durch, übersetzte Sefa in Gedanken, während sie laut fragte: »Was hast du gesagt?«
Gunda verfiel gern komplett ins Platt, was es zu verhindern galt. Inzwischen verstand Sefa vieles, wenn sie sich anstrengte – aber dazu hatte sie an Stricknachmittagen keine Lust.
»Das Wetter. Es ist normal für diese Jahreszeit, sind die Vorboten der Schafskälte«, erläuterte Derk.
»Du büst`n olen Klookschieter.« Gunda zwinkerte Sefa zu: »Was Klookschieter heißt, wirst du wohl wissen? Sonst kannst du Derk fragen, der weiß alles.«
»Und das natürlich immer besser«, konterte Derk. Dann dozierte er grinsend: »Eine ältere männliche Person mit bemerkenswert vollem, silbergrauem Haar und einem gepflegtem Bart, die ihre Meinung penetrant belehrend äußert, womit sie den Anschein erweckt, bestimmte Angelegenheiten besser beurteilen zu...