: Emilia Schilling
: Im Glanz des Wasserfalls Das Grand-Hotel in Bad Gastein | Historischer Roman um eine Hoteldynastie in Österreich
: between Pages by Piper
: 9783377901958
: 1
: CHF 5.40
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: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 400
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Atmosphärischer historischer Roman um eine Frau zwischen Liebe und Pflicht. Für alle Leser:innen von Lisa Graf und Anja Marschall Ende des 19. Jahrhunderts wird das Wildbad Gastein zum Weltbad, wo der Adel und das Großbürgertum Europas zusammenkommen. Die kluge Valerie Wahringer, deren Vater die Verwaltung des kaiserlichen Badeschlosses übernimmt, blüht in dem mondänen Kurort auf und verliert ihr Herz ausgerechnet an Theo Straubinger, den Neffen des konkurrierenden Hotelbesitzers. Ihre Liebe steht unter keinem guten Stern, familiäre Intrigen und gesellschaftliche Zwänge verhindern eine Ehe zwischen den beiden. Valerie muss sowohl um ihre Liebe als auch das Fortbestehen des Hotels kämpfen.

 Emilia Schilling hat schon früh ihre Leidenschaft fürs Schreiben entdeckt. Sie liebt es, Neues auszuprobieren - auch in ihren Geschichten. So weiß sie oft selbst nicht, wohin und in welche Zeit sie ihre nächste Protagonistin führen wird. Aber genau das macht für sie den Reiz des Schreibens und Lesens aus. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern am Stadtrand von Wien. 

– 1886 –

Valerie Wahringer ignorierte den Schmerz, der sich von ihrer Hüfte bis in die Zehen ausbreitete. Der zweispännige Landauer war schlecht gepolstert, was sie bei jedem holprigen Meter zu spüren bekam. Gegen die Fahrtrichtung sitzend, musste sie auf der ansteigenden Strecke die Füße in den Boden stemmen, um nicht von der Bank gerüttelt zu werden. Die Vorfreude, schon bald das Ziel ihrer langen Reise zu erreichen, gab ihr die Kraft, auch nach Stunden noch durchzuhalten. Schon die Zugfahrt von Wien nach Lend-Gastein war lang gewesen, aber erst die anschließende vierstündige Kutschfahrt wurde zur echten Herausforderung.

Valerie gegenüber saß ihre Mutter Barbara, die immer wieder an ihrem Wintermantel zupfte und ihn ein wenig enger um den Hals zog. Der Wind, der durch das Verdeck der Kutsche blies, war kalt und machte die Fahrt schon nach kurzer Zeit äußerst ungemütlich. In seinen letzten Briefen hatte Valeries Vater empfohlen, bei der Reise einen schweren Wintermantel mit Pelzbesatz zu tragen. In den Bergen waren die Spuren des Winters noch deutlicher zu spüren als in Wien.

Valeries Zwillingsbruder Stephan saß zusammengesunken neben seiner Mutter und schlief tief und fest. Sein kupferbraunes Haar, das Valeries so ähnlich war, stand ihm zerzaust vom Kopf und verlieh seinen erwachsenen Zügen etwas Jungenhaftes. Früher hatte Valerie eine große Ähnlichkeit zwischen ihnen beiden gesehen, aber seit seine Stimme vor einigen Jahren eine Oktave tiefer gerutscht und sein Kinn markanter geworden war, waren die Haarfarbe und die haselnussbraunen Augen mit dem leichten Grünstich die einzigen äußerlichen Gemeinsamkeiten, die ihnen geblieben waren.

Valerie löste ihren Blick von Stephan und schaute wieder durch das kleine Fenster im Wagenschlag. Den zerschlissenen Brokatvorhang hatte sie gleich zu Beginn der Fahrt zur Seite geschoben, um alles sehen zu können, was an ihnen vorbeizog. Die Berge der Hohen Tauern, zwischen denen sich der Landauer hindurchschlängelte, waren dicht mit Laubbäumen bewachsen, noch kahl vom Winter. Je höher sie kamen, desto mehr Grün mischte sich durch die Fichten darunter. Besonders fasziniert war Valerie von den weißen Gipfeln, auf denen die Schneereste der Aprilsonne trotzten.

»Die Landschaft ist wunderschön«, flüsterte sie und sog die kalte Bergluft tief in sich ein. Sie roch nach feuchter Erde, frisch sprießenden Blättern und harzigen Nadeln.

»Ich hätte dennoch zu gern darauf verzichtet.« Statt der Umgebung Beachtung zu schenken, betrachtete Barbara konzentriert die Nähte ihrer Handschuhe. Seit ihr Mann beschlossen hatte, dass die Familie ihm nach Wildbad Gastein folgen würde, machte sie ihrem Unmut darüber Luft. Daran änderte auch ihr spektakuläres neues Zuhause nichts.

Valerie hatte die Briefe ihres Vaters voller Begeisterung gelesen. Seine Beschreibungen hatten in ihrem Kopf ein Bild von der neuen Heimat gezeichnet, geprägt von imposanten Hotels und prächtigen Villen, eingebettet in eine knorrige Berglandschaft. Die Schönheit und Eleganz des Ortes sollte von einem wilden Wasserfall durchbrochen werden, der sich zwischen den Häusern seinen Weg ins Tal bahnte und das Zentrum von Gastein bildete. Ein Bild, das Valerie mit eigenen Augen sehen musste.

Trotz eines angestrengten Räusperns konnte Barbara den Hustenreiz nicht unterdrücken, der sie jetzt überkam. Ihr ganzer Körper bebte, als sie in ihre behandschuhte Faust hustete.

Aufgeschreckt durch das heisere, trockene Bellen, drehte Stephan sich zur Seite, ohne dabei die Augen zu öffnen. Dann schlief er wieder ein. Zumindest tat er so, dachte Valerie.

»Diese eisige Bergluft reizt meine Lungen«, krächzte Barbara, als der Hustenanfall nachließ. »In diesem Landauer zieht es wie in einem Vogelhaus. In Lend habe ich bessere Kutschen gesehen. Sogar vierspännige. Aber euer Vater schickt uns stattdessen diese klapprige, langsame Postkutsche.«

»Vater hat viel zu tun und sicher nicht darüber nachgedacht, welche Kutsche er uns schicken lässt«, versuchte Valerie ihre Mutter zu besänftigen. Von ihrer schlechten Laune wollte sie sich auf keinen Fall anstecken lassen. Für sie war der Umzug eine willkommene Abwechslung im oft eintönigen Alltag. Es war wie ein kleines Abenteuer. Erst vor Ort würde sie erfahren, was sie erwartete.

»Allein die beschwerliche Anreise hätte ihm Grund genug sein müssen, uns in Wien zu lassen«, klagte Barbara weiter. »Diese Strapazen sind einer Frau und ihren Kindern nicht zuzumuten.«

»Die Kaiserin war im letzten Sommer auch in Gastein«, sagte Valerie, denn ihre Mutter interessierte sich sehr für den Wiener Hof.

»Die Reiselust der Kaiserin ist in aller Munde«, erwiderte Barbara unbeeindruckt. »Nicht selten ist von einer Rastlosigkeit die Rede. Aber ich bin überzeugt, dass ihr eine bessere Kutsche zur Verfügung stand.«

In diesem Moment rollte der Landauer über einen Stein und setzte mit einem harten Aufprall wieder auf der Straße auf. Barbara stieß einen Laut aus, als fühle sie sich in ihrer Klage bestätigt. Auch Valerie tat der Rücken weh, aber sie biss die Zähne fest zusammen, um sich nichts anmerken zu lassen.

Nur Stephan schien das alles nichts anzugehen.

 

Theo Straubinger wuchs im Schatten einer Hoteldynastie auf, die ihren Zenit noch lange nicht erreicht hatte – das war der ganzen Familie bewusst. Ebenso wusste Theo, dass er in diesem Spiel um die Vorherrschaft unter den Hoteliers nur eine Randfigur war. Sein Großvater Josef hatte die Leitung des Hotels am Wasserfall nach und nach an seine Söhne Carl und Peter abgegeben. Obwohl Theo mit seinen zwanzig Jahren der Älteste der nächsten Generation war, hatten ihm die Kinder seiner Onkel trotz ihres jungen Alters schon jetzt etwas voraus: Sie waren eheliche Straubinger-Kinder.

Im altehrwürdigen Hotel Straubinger war auf Dauer kein Platz für ihn, aber sein unermüdlicher Fleiß und sein Wille, dort anzupacken, wo er gerade gebraucht wurde, sicherten ihm vorerst einen Platz im Familienunternehmen.

Es war Tradition, dass sich die Straubinger-Männer am frühen Nachmittag in den obersten Stock des Hotels zurückzogen und über aktuelle Themen sprachen. Seit Theo denken konnte, war das so. Als Kind hatte er sich manchmal nach dem Mittagessen von seiner Mutter weggeschlichen, um seinem Großvater ins Arbeitszimmer zu folgen. Dort saß Josef Straubinger hinter einem wuchtigen Tisch, ein Glas Weinbrand vor sich und die Pfeife in der Hand. Theo hatte sich dann in eine Ecke gesetzt und still in den alten Büchern mit den Gästelisten geblättert. Der Großvater hatte seine schweigende Anwesenheit geduldet.

Vieles hatte sich in den letzten Jahren verändert. Der große Schreibtisch war zwei kleineren gewichen, an denen sich heute seine Onkel gegenübersaßen, und Theo brauchte sich nicht mehr wegschleichen, um an der kleinen Herrenrunde teilzunehmen. Das Einzige, was geblieben war: Er war kein Mitspieler, nur eine Randfigur.

»Das Wetter spielt dem Weismayr in die Hände.« Carl Straubinger erhob sich von seinem aufgeräumten Schreibtisch und nahm vier kleine Gläser aus der Vitrine neben der Tür.

»Das soll uns recht sein«, sagte sein Bruder Peter, der ihm trotz des schmaleren Gesichts mit dem kurzen, schütteren Haar und den hellen, wachen Augen sehr ähnlichsah. »Kaum ist der Windischbauer mit seinem Elisabethhof fertig, fängt der Weismayr direkt vor seiner Nase an zu bauen.« Er lachte heiser.

»Mit oder ohne Baustelle.« Carl schraubte den Verschluss der dunkelgrünen Dopplerflasche auf, in der seine Frau Marie den Nussschnaps angesetzt hatte, und schenkte großzügig ein. »Der Windischbauer wird es nicht leicht haben, die Reservierungsliste für seine hundertvierzig Zimmer voll zu bekommen.« Das erste Glas reichte er dem Großvater, der in einem alten Polstersessel mit hoher Lehne in der Ecke saß. Der Stoffbezug war an mehreren Stellen geflickt und hatte längst den Geruch von verbranntem Tabak angenommen. Dann erhielt Peter ein Glas und zuletzt Theo, der die Treffen im Kontor immer stehend vom Fenster aus beobachtete.

»Auf unser Wohl!« Josef prostete den anderen zu und leerte sein Glas. Dann griff er nach seiner Pfeife aus italienischem Olivenholz, die ihm seine Familie zu seinem siebzigsten Geburtstag im Frühjahr geschenkt hatte. Mit der ihm eigenen Ruhe...