: Nora Berger
: Das Mädchen und der Templer Historischer Roman: Reliquien, Intrigen und der Schrecken der Kinderkreuzzüge im 13. Jahrhundert
: dotbooks
: 9783989527607
: 1
: CHF 3.60
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 430
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Sie liebt einen Tempelritter - doch er schwebt in tödlicher Gefahr ... Die junge Wahrsagerin Anne wird vom Tempelritter Thibaud de la Frontière beauftragt, ihm die Sterne zu deuten. Weil sie zarte Gefühle für den stattlichen Ritter hegt und eine bessere Zukunft will, als mit dem fahrenden Volk umherzureisen, ergreift sie ihre Chance und tritt als Junge verkleidet in seine Dienste. Auf der Reise ins gelobte Land kreuzt ihr Weg immer wieder den von Étienne, einem Anführer der Kinderkreuzzüge, den Anne vor einem schlimmen Schicksal bewahren möchte. Dabei werden sie und Thibaud in eine gefährliche Intrige um eine der heiligsten Reliquien des Christentums verwickelt - das Kreuz Jesu ... Ein farbenprächtiger, akribisch recherchierter Mittelalterroman für Fans von Iny Lorentz und Sabine Ebert.

Ursula Niederberger schreibt unter dem Pseudonym Nora Berger. Sie wurde in Düsseldorf geboren, heiratete nach Bayern und lebt heute mit ihrem Mann in Traunstein und zeitweise in einem kleinen Appartement mitten in Paris, wo sie an der Sorbonne Philosophie und Literatur studierte. Sie ist aktives Mitglied bei der DeLiA und Homer. Die Website der Autorin: nora-berger.info/ Die Autorin bei Facebook: facebook.com/norabergerhistor scheromane/ Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin den historischen Roman »Die Reise der Kreuzfahrerin« sowie »Das Mädchen und der Templer« als eBook und Printbuch.

Kapitel 2


Die Wirkung des Bilsenkraut-Trankes rauschte ganz plötzlich durch Annes Blut. Das seltsame Nebensichstehen, die Hellsichtigkeit ihres Geistes, die bunten Bilder, die ihn durchströmten, jagten ihr zuerst Angst ein. Aber zugleich ergriff Gleichgültigkeit von ihr Besitz gegen die Klagen der Kunden, die ungeduldig darauf warteten, dass man ihre Wünsche erfüllte. Ihr war, als schwebte sie wie auf einer Wolke über dem Geschehen.

Auf der Wiese herrschte inzwischen lautes und munteres Treiben, Musik und Tanz zu den Tönen der Fiedel des Spaßmachers. Das laufende Theaterstück brachte die Leute zum Lachen, und als es zu Ende war, tummelten sich die Zuschauer zwischen den Wagen und Buden, aßen, tranken und schwatzten. Ein Murren entstand, als Anne den Paravent zur Seite schob, sich statt der Erleuchteten an den Tisch setzte und begann, die Tarotkarten zu mischen.

»Wo ist die begnadete Bernadette?«, rief einer der Wartenden. »Wir wollen zu ihr.«

»Bernadette die Erleuchtete ist leider unpässlich«, verkündete Anne mit lauter Stimme. »Ich bin ihre Tochter und kann sie vertreten. Auch mir ist die Gabe der Erleuchtung gegeben. Ihr könnt mir vertrauen.«

»Was? Dann hat man uns betrogen – wir haben schließlich nur für die Weisheit der Erleuchteten gezahlt«, rief ein gut gekleideter Geck.

»Wer an meinen Fähigkeiten zweifelt, der bekommt sein Geld zurück«, versprach Anne.

Unschlüssiges Stimmengemurmel antwortete. Einige kamen nach vorne, um diese Rückgabe zu verlangen, und Anne fiel zu spät ein, dass Jeannot das Geld zwar kassiert hatte, aber wahrscheinlich nicht wieder hergeben würde. Und sie besaß nicht ein Silberstück.

Rasch fügte sie hinzu: »Es tut mir leid – aber ich kann euch das Geld nicht auf der Stelle zurückgeben. Wartet bis zum Ende der Vorstellung, dann spreche ich mit dem, der es eingenommen hat.«

»Betrug!«, kreischte eine Stimme. »Ich will mein Geld gleich wiederhaben!«

Anne versuchte, den Protestierenden selbstsicher und lächelnd gegenüberzutreten, aber innerlich erfüllte sie kalte Wut. All das hatte ihr nur Jeannot eingebrockt. Anstatt die Veranstaltung abzusagen, hatte er den Leuten das Geld abgenommen und sie, Anne, gezwungen, ganz allein mit der Situation fertigzuwerden.

»Wer ist der Nächste?«, rief sie. »Wer will wissen, was die Zukunft ihm bringt?«

Sie stellte die Kristallkugel so auf, dass die Flammen der Fackeln sich darin spiegelten, und legte das Pendel daneben. Wenn sie den Blick hob, konnte sie Jeannot sehen, der auf dem zwischen zwei hohen Bäumen gespannten dünnen Seil balancierte. Die Leute, die ihm zusahen, klatschten begeistert in die Hände.

»Unverschämt«, hörte sie jetzt eine Frauenstimme halblaut unter den Wartenden zischen. »Jetzt haben wir den Weg ganz umsonst gemacht. Aber von der möchte ich mir die Zukunft sowieso nicht vorhersagen lassen. Schaut sie euch doch an! Die ist ja fast noch ein Kind!«

»Stimmt – dem Mädchen fehlt die Lebenserfahrung«, gab eine andere zurück. »Komm, Dora! Sehen wir uns doch erst einmal die Dressurnummern an. Danach beschweren wir uns und verlangen unser Geld zurück.« Die beiden Frauen warfen noch einen skeptischen Blick auf Anne und gingen davon.

Anne verspürte unvermittelt ein Brausen im Ohr, einen Schwindel und eine darauffolgende Übelkeit, die ihr den Magen zusammenzog. Sie stellte den Paravent wieder vor das Podest, zog den Vorhang vor, der sie und die Ratsuchenden vor neugierigen Blicken schützen sollte, und atmete tief durch.

Als sie wieder hinaustrat, waren nur noch wenige von den Wartenden geblieben, die bereit waren, es mit ihr zu versuchen. Sie schloss kurz die Augen, um sich zu konzentrieren. Vielleicht war die Dosis des Bilsenkrauts zu stark gewesen, denn bunte Blitze, überraschende Bilder in ihrem Blickfeld verwirrten sie. Sie sah Étienne, der auf dem Kirchenplatz predigte, und die Muttergottes der kleinen K