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Wien 1907
»Verdammt, kannst du nicht aufpassen, du Trampel?«
Veruschka heulte auf, ergriff eine der spitzen Nadeln und stach in Mariettas Richtung. Diese wich in letzter Sekunde aus und musste sich auf die Zunge beißen, um sich eine wütende Entgegnung zu verkneifen. Nicht sie war achtlos gewesen, sondern Veruschka selbst. Anstatt bei der Kleiderprobe ruhig zu halten, tänzelte sie ständig herum, als wollte sie aller Welt beweisen, wie unzumutbar es für eine ehrgeizige Ballerina war, auch nur für wenige Minuten stillzustehen.
»Nun mach schon! Wie lange soll ich denn noch warten?«
Vorsichtig näherte sich Marietta wieder der russischen Tänzerin. Anstatt sie wütend anzufunkeln, wie es ihre erste Regung war, hielt sie ihre Augen gesenkt und konzentrierte sich auf den Saum des kurzen Kleides.
»Gott, ich verstehe nicht, wie man solche wie dich hier Kostüme nähen lässt.«
Veruschka sprach wie immer mit starkem Akzent und rollendem »R«. Wenn man sie nur hörte und nicht sah, hätte man sie für die behäbige Wirtin e