I.
London, Oktober 1811
Die hell erleuchteten, hohen Fenster des Ballsaals waren bereits von Weitem sichtbar. Der Kutscher musste die Pferde schon auf der langgezogenen Zufahrt zum Palais zügeln, da die Reihe der Karossen die Allee verstopfte. Es dauerte eine Weile, bis die livrierten Diener die Verschläge geöffnet hatten und ihren Herrschaften beim Aussteigen behilflich waren. Vor allem die Damen mit ihren ausladenden Roben benötigten einige Zeit.
Sie sahen wie aufgezäumte Zirkuspferde aus, fand Timothy und lehnte sich in die Polster seines Landauers zurück. Er war dankbar für die Verzögerung, verschaffte sie ihm doch noch ein paar Augenblicke Ruhe.
Er schloss die Augen und atmete tief ein und wieder aus. Nach all den Monaten auf dem Kontinent fielen ihm die repräsentativen Pflichten noch schwerer. Schon zuvor hatte er sich nichts aus den ewig gleichen Veranstaltungen gemacht, bei denen das einzige Gesprächsthema lautete: Wer mit wem und welche Partie wäre die bessere? Als der nächste Earl of Huntington, der im zweiundzwanzigsten Lebensjahr noch unverheiratet war, blieb ihm nichts anderes übrig, als daran teilzunehmen. Wäre es nach seiner Mutter gegangen, hätte er schon die letzten beiden Seasons dazu genutzt, die richtige zukünftige Countess of Huntington ausfindig zu machen. Wie diese auszusehen hatte, stand ebenfalls bereits fest: jung, attraktiv, aus gutem Hause und willig, ihm schnellstmöglich Kinder zu schenken. Viel mehr brauchte sie nicht mitzubringen. Eine gute Mitgift wäre bei der erforderlichen Abstammung sicher zu erwarten, aber keine unbedingte Notwendigkeit, denn die Familie Talbot verfügte ihrerseits über ein beträchtliches Vermögen sowie über ganze Ländereien.
Timothy gähnte ungeniert. Noch war er allein in seinem Landauer und konnte sich der bereits von außen spürbaren Langweile hemmungslos hingeben.
„Bezauberndes Kleid. Sie sehen in dieser grünen Seide ganz hinreißend aus. Wer ist denn Ihre Schneide