2. Kapitel
Batavia, 1681
Was die Holländer in Formosa nicht geschafft hatten, war ihnen in Batavia gelungen. Sie hatten ihre Heimat über den Ozean in die Fremde getragen, unter gleißender Sonne eine Stadt aus steinernen Häusern und Grachten geschaffen, wie Griet es aus Rotterdam kannte. Eine Mauer trennte die europäisch anmutende Oststadt von dem überbordenden, heißen, von zahllosen Gerüchen geschwängerten Rest Batavias, in dem sich neben den Ureinwohnern auch Chinesen, Japaner und andere Asiaten angesiedelt hatten. Sie wohnten in ihren jeweiligen Vierteln, befolgten Regeln, die sie aus ihrer Heimat mitgebracht hatten, führten Fehden gegeneinander und taten sich auch manchmal zusammen.
Nun war Griet in diese Welt eingedrungen. Sie kämpfte sich durch eine enge, laute, nach Garküchen riechende Gasse der Chinesenstadt, ihr Bündel mit Büchern dicht an sich gepresst. Normalerweise hätte Diego, ihr Gemahl, sie bei solchen Ausflügen begleitet. Er hatte einen spanischen Vater, dem er seinen Namen verdankte, aber seine Mutter war Japanerin gewesen, was ihn hier weniger fremd machte. Trotz dieser asiatischen Wurzeln lag er seit Wochen krank darnieder wie viele Angestellte der holländischen Handelsgesellschaft. Die Hitze tötete Europäer in Scharen. Griet hatte sie nicht geschadet, ihrem Bruder Ruben ebenso wenig. Wieso musste ausgerechnet Diego, der noch niemals in Europa gewesen war, von einem Fieber niedergestreckt werden? Der von Ruben gerufene holländische Arzt vermochte nicht zu helfen. Griet hoffte, dass asiatische Heiler eine rettende Medizin hätten, doch durften sie in der Oststadt nicht praktizieren. Und so musste sie in der Chinesenstadt nach Hilfe suchen.
Emma Hambroek bewohnte ein kleines Haus am Ende der Gasse. Da sie sich geweigert hatte, auf ihre Beziehung mit einem Nichteuropäer zu verzichten, war sie aus der Oststadt verbannt worden. Doch entsprach das ihren Wünschen, denn dort, wo Christen lebten, wurden keine Missionare gebraucht.
Griet wurde von dem einheimischen Jungen vor der Eingangstür höflich begrüßt, dann ins Innere begleitet. Der Raum, in dem Emma ihren Unterricht abhielt, befand sich neben einem kleinen Garten. Zu ihren Schülerinnen gehörten Mädchen, die Männer der holländischen Handelsgesellschaft mit einheimischen Frauen gezeugt hatten und auch einige Töchter asiatischer Christen. Das Schulgeld reichte offenbar, um der Familie ein Auskommen zu verschaffen. Frans, Emmas Ehemann aus Formosa, betrieb irgendwelche Geschäfte, die aber nicht viel abzuwerfen schienen.
»Wie schön, dass du uns besuchst. Ich habe meine Schülerinnen gerade nach Haus geschickt«, sagte Emma und kam Griet mit einem strahlenden Lächeln entgegen.
»Ich habe Bücher mitgebracht«, verkündete diese. »Sie kamen mit dem letzten Schiff aus Holland.«
Emmas Augen leuchteten auf.
»Religiöse Schriften?«
Griet schüttelte den Kopf.
»Gedichte. Aber von Jakob Cats. Es ist nichts unchristliches daran.«
Der Dichter galt als moralisch absolut integer, weshalb Griet seine Werke für Emma ausgesucht hatte. Sie musste ihren Schülerinnen ja nicht ausgerechnet das bekannte Zitat »Kinderen zijn hinderen – Kinder sind ein Ärgernis« vorsetzen.
»Es ist sehr nett, dass du an mich denkst«, redete Emma weiter und winkte sie herein. »Meine Mädchen werden sicher froh sein, einmal etwas anderes zu lesen als immer die Bibel.«
Als Lehrerin war Emma sicher anstrengend, doch geschah dies aus Begeisterung für ihre Aufgabe. Wenigstens schlug sie ihre Schülerinnen nicht, wie ihr Vater es in Formosa mit seinen Untergebenen manchmal getan hatte.
»Möchtest du Tee? Ich habe noch ein bisschen übrig.«
Ein schmales, einheimisches Mädchen in der buntgewebten, leichten Kleidung ihres Volkes brachte ein Tablett mit Früchten und dem Teegeschirr. Griet und Emma hatten an einem kleinen Tisch Platz genommen.
»Was machen deine Kinder?«, fragte Griet. Emmas Gesicht leuchtete auf, denn sie redete sehr gern über ihre Familie.
»Unser ältester Sohn hilft mir mi