Die Morgendämmerung war noch nicht hereingebrochen, da hörte Antonia vom Hof her schon Stimmen und Pferdegewieher. Auch im Haus regte sich einiges. Der Duft von frisch gebackenem Brot stieg ihr in die Nase. Sie schlug die Decken beiseite, sprang aus dem Bett und öffnete das Fenster. Würzige, kühle Luft wehte ihr entgegen. Es roch nach Wald, Moos und Erde, nach der herben Frische eines Frühsommermorgens. Man hörte das Schnauben und das Getrappel von Hufen, denn die ersten Pferde wurden schon auf dem Sandplatz geritten. Die dumpfe Stimmung, das Gefühl von gestern, auf dem Gut nicht willkommen zu sein, all das war in der Morgenfrühe verweht wie die luftigen Nebelschwaden, die flüchtig über die Landschaft zogen. Jetzt durfte sie keine unnötigen Empfindlichkeiten zeigen – sie wollte um ihren Platz kämpfen, sich nicht verdrängen lassen. Sie wusch sich, bürstete ihr weizenblondes Haar, bis es glänzte, und flocht es im Nacken sorgsam zu einem Zopf. Da klopfte es auch schon an die Tür. »Fräulein«, hörte sie Minnas Stimme. »Es ist Zeit. Kommen Sie hinunter in die Waschküche, der Badezuber steht schon bereit. Beeilen Sie sich, damit das heiße Wasser nicht kalt wird.«
Antonia schlüpfte rasch in ihren Pullover und Faltenrock von gestern und öffnete die Tür. »Ich bin schon gewaschen«, sagt sie in zurückhaltendem Ton.
»Das macht nichts. Ein Bad wird Ihnen bestimmt guttun«, beharrte Minna resolut.
»Muss das wirklich gerade jetzt sein?«, versuchte Antonia auszuweichen.
»Sie haben doch gehört, was der Herr Baron gestern angeordnet hat.« Minna sah an ihr herab. »Haben Sie wirklich nichts anderes anzuziehen? Der Pullover hat ja ein Loch. Da waren wohl die Motten drin.«
»Ach, das kann man doch leicht stopfen!«, sagte Antonia beschämt und deckte das Loch mit der Hand zu. »Ich dachte, man sieht es nicht so. Ich kann ja meine Strickjacke darüber anziehen.«
»Strickjacke? Lassen Sie mal sehen«, Minna trat ins Zimmer und schüttelte missbilligend den Kopf, als sie den Schrank öffnete. »Armes Kind. Das da ist nicht gerade das Passende für die Tochter eines Barons und Gutsbesitzers.« Sie musterte Antonia erneut. »Ihr Faltenrock hat übrigens Flecken – außerdem ist der Stoff schon ganz abgeschabt. Und die Wäsche«, mit einem empörten Ausruf legte sie ein Hemd zurück, »die ist ja so oft geflickt, dass sie von selbst auseinanderfällt! Da werden die Leute reden, wenn Sie so daherkommen. Ich werde sehen, ob ich von den abgelegten Sachen aus der Kleiderkammer der Gnädigen etwas für Sie heraussuchen kann.«
»Nein, nein, das ist wirklich nicht nötig«, wehrte Antonia trotzig ab.
»Keine Widerrede«, bestimmte Minna. »Und jetzt kommen Sie erst mal mit hinunter.« Antonia blieb nichts anderes übrig, als ihr in die von Dampfschwaden erfüllte Waschküche zu folgen, in deren Mitte hinter einem Paravent eine graue Zinkwanne stand. Daneben lag ein Stück Seife und über einem Holzständer hing ein Badetuch. Zögernd zog Antonia sich aus und huschte in die Wanne. Das Wasser war angenehm warm, sie streckte sich wohlig darin aus und schloss die Augen. Wie lange hatte sie schon kein Bad mehr genommen? Minna goss heißes Wasser nach und begann, ihr den Rücken mit dem nach Lavendel duftenden Seifenstück und einer Bürste abzureiben. Als sie nach einer Weile aus der Wanne stieg, spürte sie eine wohlige Gelassenheit und Frische. Sie trocknete sich ab und suchte nach ihren Sachen. Doch diese waren verschwunden. In das große Frotteetuch gehüllt, setzte sie sich auf einen parat stehenden Hocker und wartete ab. Minna war bald zurück, über dem Arm einen Stapel sauberer Wäsche und ein gefüttertes, taubenblaues Baumwollkleid mit dazu gehörigem Unterrock. Sie half ihr, hineinzuschlüpfen und die vielen kleinen Knöpfe des Stehkragens im Nacken und am Rücken zu schließen. Das Kleid hatte lange Ärmel, Rüschen im Vorderteil und am Saum. Es war ihr etwas zu groß, doch ein Gürtel schuf Abhilfe. Ein gleichfarbiges, wollenes Sc