1. Kapitel
Florenz, den 9. November 1819
Es ist erst vier Uhr am Nachmittag, doch herrscht tiefer Winter und die Sonne ist bereits untergegangen: Keine Wolke steht am frostigen Himmel, um ihre schrägen letzten Strahlen aufzunehmen, dennoch ist die Luft selbst erfüllt von einem zarten Rosenschein, der sich über den Schnee am Boden breitet. Ich lebe in einem bescheidenen Landhaus auf einer weiten, einsamen Heide; kein Laut des Lebens dringt bis zu mir. Ich schaue auf die in Weiß gehüllte trostlose Ebene mit nur ein paar schwarzen Flecken, welche die Mittagssonne auf den Spitzen der steilen Hügel ausgeschnitten hat, an Stellen, wo der Schnee dünner liegen blieb als auf der Ebene. Wenige Vögel picken auf den eisbedeckten Teichen – der strenge Frost dauert schon lange an.
Ich befinde mich in einem seltsamen Zustand. Ich bin allein, ganz allein in dieser Welt – der Pesthauch des Unglücks ist über mich hinweggezogen und hat mich ausgedörrt; ich weiß, dass ich bald sterbe und bin froh, ja glücklich. Ich fühle meinen Puls, er rast, ich lege die dünne Hand auf meine Wange, sie glüht: Der sachte, bewegliche Lebenshauch in mir versprüht sein letztes Feuer. Den Schnee des nächsten Winters werde ich nicht mehr sehen, und ich glaube, auch die belebende Wärme des kommenden Sommers werde ich nicht spüren. In dieser Gewissheit beginne ich mit der Niederschrift meiner traurigen Geschichte. Vielleicht stürbe eine solche Geschichte wie diese besser mit ihrer Schöpferin, doch ein Impuls, den ich selbst nicht verstehe, leitet mich, und ich bin körperlich wie geistig zu schwach, ihm zu widerstehen. Als das Leben in mir noch Kraft hatte, meinte ich, es sei ein heiliger Schrecken in meiner Erzählung, der jede Weitergabe unmöglich machte – doch nun, im Angesicht des Todes, wische ich den geheimnisvollen Schrecken weg. Es ist wie im Eumenidenhain, den nur Todgeweihte betreten dürfen – und Ödipus ist ein solcher.
Was schreibe ich? Ich muss meine Gedanken sammeln. Ich weiß nicht, ob irgendjemand diese Seiten lesen wird außer Ihnen, mein Freund, der sie nach meinem Tod empfangen wird. Ich richte sie nicht an Sie allein, denn es macht mir Freude, auch unsere Freundschaft zu beschreiben, was sinnlos wäre, blieben Sie mein einziger Leser. Daher werde ich meine Geschichte so erzählen, als wäre sie an einen Fremden gerichtet. Sie haben mich oft nach dem Grund für mein Leben in Einsamkeit, für meine Tränen und vor allem für mein undurchdringliches, abweisendes Schweigen gefragt. Lebend wagte ich es nicht, im Tode aber lüfte ich den Schleier. Manche werden diese Blätter unberührt zur Seite legen; Ihnen aber, Woodville, lieber, naher Freund, werden sie teuer sein – als kostbares Vermächtnis einer jungen Frau mit gebrochenem Herzen, die noch im Sterben voll warmer Dankbarkeit für Sie ist: Ihre Tränen werden auf die Worte fallen, in die mein Unglück geflossen ist. Ich weiß, so wird es sein, und solange noch Leben in mir ist, danke ich Ihnen für Ihr Mitfühlen.