: Anja Krystyn
: Die rollende Venus Geschichten über uns
: R.G. Fischer Verlag
: 9783830119524
: 1
: CHF 13.50
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 216
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
In ihren »Geschichten über uns« begegnet die rollende Venus vielen Menschen und ihren Schicksalen. Sie begegnet deprimierten Menschen, Leuten, die an ihren Problemen verzweifeln, am Sinn ihres Lebens. Alle haben Angst um ihren Wohlstand und in der Dauerschleife von Krisen verschwinden die Körnchen der Lebensfreude, als nähme sie ihnen jemand weg. Mit Scharfsinn und Ironie begibt sich die Autorin auf die Suche nach dem Wesentlichen im Leben. Der Leser wird sofort hineingezogen, fühlt sich ange­sprochen, ertappt ? von den »Geschichten über uns«, aus denen ein großes Interesse für Menschen spricht und die trotz mancher Direktheit immer versöhnlich sind.

Anja Krystyn ist Ärztin, Autorin und Kolumnistin der Zeitschrift »neue horizonte«. Bisher erschienen ihre Romane »Die Beine der Spitzentänzerin« und »Goldregen« sowie die Kurzgeschichten »Alles Liebe?«. In ihren Werken geht es um gesellschaftspolitische und zwischenmenschliche Themen. Sie lebt und arbeitet in Wien.

Erwachte Vergangenheit


Der stolpernde Klingelton meines Handys unterbricht meine Gedanken.

»Hallo, hier ist Silvia, wie geht’s dir?«, fragt am anderen Ende eine unbekannte Stimme. Ihre Fröhlichkeit signalisiert langjährige Freundschaft. Keine Ahnung, wer sie ist.

»Hallo Silvia, schön von dir zu hören!«, gebe ich ebenso fröhlich zurück.

»Wir sind inzwischen alle im Ruhestand«, verkündet sie. »Jetzt arbeiten wir gegen die Demenz.«

»Da wünsche ich viel Erfolg«, versuche ich mein Gedächtnis zu aktivieren.

»Einige Kollegen haben im Weltmuseum am Heldenplatz eine Führung organisiert. Kommst du mit?«

Ich beginne mich vage zu erinnern. Dass die alten Kollegen aus der Fernsehredaktion mich nach so vielen Jahren ausgerechnet ins Museum einladen, kann nur als Scherz gemeint sein. Entweder sie wollen mich für meinen damaligen grußlosen Abgang bestrafen, falls sie ihn überhaupt mitbekommen haben. Keiner hat mich je angerufen, um zu fragen, was wirklich los ist. Vielleicht haben sie von irgendjemandem gehört, dass meine Beine nicht mehr richtig funktionieren. Mich direkt zu fragen, wagten sie nicht. Oder sie sind noch immer sauer und wollen mich auf einer Tour durchs Museum blamieren. Möglich, wenn auch unwahrscheinlich wäre, dass sie mir tatsächlich etwas Gutes tun wollen.

»Na klar komme ich mit!«, gebe ich dem positiven Gedanken aus bloßer Neugier nach. Die Anruferin muss jene Silvia sein, deren sprachlicher S-Fehler mich schon damals gestört hat. Als Volontärin schwirrte sie recht nutzlos in der Redaktion herum. Wirklich auffällig war für mich ihr feindseliges Gesicht, wenn wir einander auf dem Gang begegneten. Ich dachte nicht weiter darüber nach, voll beschäftigt mit einer für mich ganz neuen Arbeitswelt. Als Quereinsteigerin musste ich mir das journalistische Handwerk von der Pike auf aneignen. Kurze filmische Beiträge zu Gesundheit und Lifestyle waren viel mehr als nur ihr wissenschaftlicher Inhalt. Einige Male begleitete ich Kollegen zu Dreharbeiten, saugte akribisch die Technik der Interviewführung und anschließenden Erstellung des Schnittplans in mich auf. Bald durfte ich den Beitrag über eine neue medizinische Lasertechnik selbst gestalten. Es war aufregend, Fakten zu recherchieren, Fachleute in ihrer Praxis zu interviewen und die neue Methode vom Kameramann filmen zu lassen. Alles musste wissenschaftlich richtig, für den Zuschauer dennoch greifbar und unterhaltsam aufbereitet sein. Erst bei dieser Arbeit entdeckte ich die mir eigene Mischung aus analytischer und kreativer Ader. Nach wenigen Monaten durfte ich größere Teile der Sendung gestalten. In meinen Träumen tauchte die Zukunft als intellektuell bissige Sprachkünstlerin auf.

Dass ich kurz darauf die Redaktion verließ, hat vermutlich unter den Kollegen befremdete Gesichter ausgelöst. Eines Morgens kam ich einfach nicht mehr zur Sitzung. Da ich in der Probezeit war und auf Honorarbasis arbeitete, meldete ich mich nur b