: Heinz Liepman
: Wilfried Weinke
: Das Vaterland Roman
: Pendragon Verlag
: 9783865329004
: 11
: CHF 18.00
:
: Hauptwerk vor 1945
: German
: 280
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Eines der wichtigsten Bücher der deutschsprachigen Exil-Literatur Hamburg 1933: Nach acht Wochen auf See kehrt der Dampfer Kulm in seinen Heimathafen zurück. Die sozial wie weltanschaulich ungleiche Besatzung des Schiffes findet sich in einem radikal veränderten Land wieder: Die Nationalsozialisten sind an der Macht und herrschen mit Gewalt und Willkür. Die Mannschaft muss sich dem brutalen neuen Gesicht Deutschlands stellen. Zwischen politischen Spannungen, persönlichen Konflikten und der Suche nach einem Platz in einer unbarmherzigen Gesellschaft entfaltet sich eine mitreißende Erzählung über Identität und den Kampf um das Überleben. Der Journalist und Schriftsteller Heinz Liepman (1905-1966) schilderte in packenden Episoden die Konfron- tation mit den neuen Machtverhältnissen. Liepman widmete seinen 1933 erschienenen Roman »den in Hitler-Deutschland ermordeten Juden«.

Heinz Liepman wurde 1905 in Osnabrück geboren. Seit Beginn der 20er-Jahre war er journalistisch tätig und lebte in Hamburg. Er musste nach der Macht- ergreifung fliehen und emigrierte über Frankreich und England in die USA. 1947 kehrte er nach Hamburg zurück, wo er 1949 mit seiner Frau Ruth die literarische Agentur Liepman gründete. Er veröffentlichte viele Bücher, u. a. die Romane »Nächte eines alten Kindes« (1929) und »Das Vaterland« (1933). Liepman starb 1966 in Agarone / Tessin.

Hinter Cuxhaven, wo die Elbe in die Nordsee mündet, folgen – in weiten Abständen – drei Feuerschiffe. Sie leuchten nachts über die trübe, sanfte See, an ihnen ziehen die Schiffe vorbei mit sehnsüchtigen Lichtern, an Backbord rot und an Steuerbord grün. Die Nächte sind unendlich lang so kurz vor Hamburg und vor St. Pauli, die Mannschaft im Logis kann nicht schlafen; einer nach dem andern sackt leise aus der Koje, in die Hose, in die Stiefel und schleicht an Deck.

Das Logis ist finster; wenn der eine raus ist, erwacht der nächste, denkt: wie finster ist es hier, verdammt, morgen sind wir in St. Pauli; ich glaube, ich kann nicht mehr schlafen. Und er steht auf, zieht Hose an, Hemd, Stiefel und Jacke und schleicht an Deck.

Und dann stehen alle an Deck. Es ist immer noch stockdunkel. Die Sterne und der Mond sind stumm. Von der Brücke hören sie den Zweiten auf- und abgehen. Die Bugwelle rauscht. Sie lehnen sich auf die Reling und reden kein Wort. Das Meer leuchtet dunkel.

Morgen Abend sind wir in St. Pauli. Dies ist der Fischdampfer Kulm, 900 tons, kommend von See, Kapitän Schirmer. Wir sind am zweiten Weihnachtstag in See gegangen. Jetzt ist der 28. März. Morgen sind wir in St. Pauli – Meer, See, schwere, schwarze, geliebte! Morgen sind wir an Land und ich sehe nichts mehr von dir. Ich glaube, ich habe Heimweh nach dir, im Voraus.

»Elbe I«, sagt Arthur mit tiefer Stimme und es hört sich an, als wolle er noch was sagen. Wir alle schweigen. Wir sehen in Luv, dahin, wo der Wind herkommt, und wir sehen hinterm Horizont, in Sekunden wechselnd, ein wenig Erlöschen und Aufleuchten.

Mir ist nicht gut. Mein Herz klopft, ich höre es. Ich schließe die Augen: Heimat! Heimat! Deutschland! Geliebtes Mutterland, – Vaterland! Kindheit, Träume, Schlafen und Aufwachen. Liebe und Leiden, Schüchternheit und lärmendes Glück! Heimat! Heimat!

»Wat denn! Wat denn!«, höre ich Bull, unseren Berliner, sagen, aber er sagt es nicht schnoddrig und kess wie sonst, nein, er flüstert es vor sich hin, sagt es zu sich selbst: »Wat denn! Wat denn!« Und dann kommen mir wirklich die Tränen, das gute Schiff stampft durch das dunkle Meer und die Nacht, und am Horizont taucht das Licht der Heimat auf, Feuerschiff Elbe I: wir sind zu Hause!

Es pfeift von der Brücke, wir zucken zusammen, blicken hoch, es ist Nacht und wir sind auf der Kulm; es pfeift einmal, zweimal, das ist der Zweite, der da oben ruhelos die ganze Hundewache unter dem winzigen Licht auf- und abgeht; wir kennen das. Er hatte eine Braut zu Hause, Irene, sie ist einen Tag vor Weihnachten gestorben. Karl steht unbeweglich am Steuer, von ihm sehen wir nur den Schatten. Karl ist ein Philosoph, er sagt nicht, was er denkt. Jetzt pfeift es zum dritten Mal. Dreimal, also der Moses ist gemeint, Kucki; ja, verdammt, warum lässt denn der Zweite den Jungen nicht schlafen?

»Warum lässt der denn den Jungen nicht schlafen?«, fragt der Smutje mit seiner tiefen Stimme; ein Koch muss sich ja auch in