: Jörn Zacharias
: Bohumirs Töchter
: duotincta
: 9783946086826
: 1
: CHF 8.90
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 256
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Böhmen, Tschechisches Paradies. Ein Fluch im 20. Jahrhundert? Schwer lastet er jedenfalls auf Bohumir, der sich sicher ist: diesseits des Eisernen Vorhangs trifft ihn sein Schicksal; unmöglich, dort ein Leben zu führen. Also beschließt er, als Mitarbeiter der Staatssicherheit seinem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen, was ihn schlussendlich am 11. September 2001 nach New York führen wird. Dies ist die Geschichte Bohumirs, Sohn einer deutschen SS-Wachfrau, der nach Kriegsende in einem tschechischen Frauengefängnis aufwächst. Das Wirken des Fluchs treibt seine Tochter Gabriela in ein Künstlerleben und einen andauernden Versuch, der Vergangenheit zu entkommen. Seine zweite, ihm unbekannte Tochter ahnt nichts vom Wesen des Fluchs, den Bohumir so exzessiv bekämpft. Ebenso wenig wie der Fernfahrer, der 2002 eine merkwürdige Ausreißerin aufliest, die hochschwanger im Straßengraben hockt ... Jörn Zacharias präsentiert seinen Debütroman als Rätselerzählung eines Erzählers, gefangen in den Mythen und Realien des 20. Jahrhunderts - dem Zeitalter des Verrats.

Jörn Zacharias wird in Ludwigslust am Tag geboren, als Jim Morrison in Paris stirbt. Das erfährt er fünfundzwanzig Jahre später bei einem Aufenthalt in Prag durch eine Inschrift auf einem Rural. In Prag wird er Mitte der 90er während seiner Arbeit als Deutschlehrer mit dem Stoff für 'Bohumirs Fluch' konfrontiert, der über zwanzig Jahre braucht, bis er nun im Verlag duotincta erscheinen kann. Jörn Zacharias arbeitet als Theaterregisseur und Theaterpädagoge, häufig im Nordosten Deutschlands. Dort ist er auch Teil des Rock'n Roll-Lesebühnenkollektivs 'Hainis' und fröhlich mit der Auslöschung seiner verwertbaren literarischen Leistung beschäftigt.

1.



Als das Kind so vor Gabriela lag, brauchte niemand ihr zu sagen, dass es ein Kind von Bohumirs Tochter war. Sie hörte das Kind an der Futterkrippe nahe beim Häuschen im tschechischen Paradies schreien, stellte die Koffer neben den toten Körper der Mutter, die ohne Zweifel Bohumirs Tochter war und ebenso ohne Zweifel ihre eigene Schwester. Mit der rechten Hand umklammerte die tote Schwester das Säckchen, in dem sich die kleine Figurine des Glücksgottes befinden musste. Die Rehe drängten sich um das blanke Kind. Das Kind schrie voller Wonne in den Märzmorgen, warmgehalten von den Körpern und Zungen der Rehe. Neben der Krippe kümmerte eine schwarze Gestalt. Gabrielas Großmutter Sophie hockte auf einem Baumstamm und wedelte mit einem Reis. Eben war Gabriela zurückgekehrt ins tschechische Paradies aus New York, stand mit ihrem Reisekoffer in der Hand vor dem dampfenden Häuschen mit den riesigen Holzmieten drumherum, dem Wildäckerchen, der Futterkrippe. Die junge Gestalt der toten Mutter ähnelte so aufs Haar der jungen Lenka, dass Gabriela zurückkatapultiert wurde in das Wirken des Fluches, der auf Bohumir lastete und vor dem er Gabriela bewahren wollte, vor dem sie geflüchtet war und der sie zurückgetrieben hatte in das tschechische Paradies. Das kleine Mädchen war abgenabelt worden von den Rehen, die Nachgeburt hatten sie aufgefressen. Es lag rosig und blank in der Futterkrippe. Aus seinem Mund stieg mit jedem Schrei ein Dampfwölkchen in den Märzmorgen. Es lag an der Stelle zwischen den Rehen in der Futterkrippe, an der Gabriela, als sie ein Mädchen war, ein Märchenbuch auf dem Kopf balancierend der schweigsamen Großmutter beim Arbeiten auf dem Wildäckerchen zugesehen hatte. Gabriela erinnerte sich zurück an die gemurmelten Märchen – die einzige Wortäußerung der Großmutter –, an das Märchen, in dem die Mutter gestorben war und die beiden Geschwisterkinder allein in der Welt zurückließ und das Brüderchen von der Quelle trank, verzaubert wurde und fortan in Rehgestalt seiner Schwester folgte, und das Schwesterchen einen grausamen Erstickungstod im Bad starb und nur nachts zurückkehrte, um sich um ihr eigenes Kind zu kümmern, während in ihrem Bette eine einäugige Hexe lag und sich für die rechtmäßige Königin ausgab.

Wie nur konnte es so weit kommen?

Mr Ryan Latell sitzt mit Bohumirs Tochter in einem Hotelfoyer in Prag. Weder weiß sie, dass sie Bohumirs Tochter und Gabrielas Schwester ist, noch ahnt sie den Fluch, der auf Bohumir und seinem Geschlecht lastet und dessen Erbe sie antreten wird.

Mr Ryan Latell löffelt sein Frühstücksei. Die Größenunterschiede sind obszön. Die Serviererin bringt freudestrahlend einen Rieseneisbecher für Bohumirs Tochter. Mr Ryan Latell grinst spöttisch.

»Jetzt gerade will dein Sperma wieder aus mir raus«, sagt die Erbin des Fluches.

Mr Ryan Latell verschluckt sich an seinem Orangensaft und krächzt wie ein riesiges, bösartiges Adlerküken. Die Kopfhaut färbt sich lila. Zwischen flaumartigen Haarbüscheln glänzen Schweißperlen. Die Kellnerin versucht Gesten und Laute der Beruhigung. Mr Ryan Latell fährt sie auf Russisch an und verlangt Champagner.

»Auf Russisch lässt sich am besten Respekt einfordern. Wenn ich russisch spreche, muss ich immer an meine Wutreserve. Russisch ist die ideale Herrschaftssprache.«

Mr Ryan Latell hat in Oxford studiert. Gentleman studies. Politik, Wirtschaft und Philosophie. Bis zum Ende seines Studiums habe er keine einzige Zahl gesehen und trotzdem nach dem Examen das Angebot einer ehrwürdigen Privatbank auf dem Tisch liegen gehabt, prahlt er regelmäßig gerne. 3000 Pfund monatlich, ein Büro in der Londoner Innenstadt, graue Anzüge, Maßschuhe, ein Sportwagen, nach zwölf Jahren sicher 15.000 Pfund monatlich. Er habe abgelehnt und sei nach Prag gegangen. Er berät die hiesigen »Businessmen« in geschäftlichen und Stilfragen. Es wurde hier so schnell so viel Geld verdient, dass das theor