1. Kapitel
Gestrandet
»Du musst dich um nichts kümmern«, hatte Bea versichert. »Ich habe alles im Griff.«
Spätestens bei dieser Aussage hätten ihre Alarmglocken schrillen müssen, gestand sich Jessi ein, während sie ihre eingefallenen Wangen in dem schmutzigen Spiegel über dem mindestens genauso schmutzigen Waschbecken betrachtete. Schließlich war Bea seit jeher dafür bekannt, Chaos zu perfektionieren.
Nun steckten sie in einer schmucklosen Taverne im Hinterland Kretas fest. Weit und breit gab es keinen Supermarkt, kein Hotel und keinen Taxistand, dafür aber unzählige Olivenbäume und ein paar dürre Ziegen.
Jessi drehte den Wasserhahn auf, um sich kaltes Wasser in ihr viel zu heißes Gesicht zu spritzen. Das dünne Rinnsal, das aus dem Hahn floss, war lauwarm. Mit gespreizten Fingern fuhr sie sich durchs Haar. Nach dem Tag am Strand kamen ihre Locken mehr zur Geltung, als ihr gefiel. Wegen ihrer dunkelbraunen Lockenmähne, des großen Munds und der breiten Nasenflügel war sie noch vor einigen Jahren oft mit Julia Roberts verglichen worden. Mittlerweile war die Ähnlichkeit nicht mehr ganz so ausgeprägt, und mit ihrem wirren Haar glich sie wohl eher der weiblichen Version eines Struwwelpeters. Jetzt hatte sie allerdings andere Probleme als ihr Erscheinungsbild.
Als sie aus dem Anbau nach draußen trat, prallte sie wie gegen eine Wand aus heißer Luft. Hinter der Taverne erhob sich ein schroffer, felsiger Berg, der seinen Schatten auf den großen Parkplatz warf.
Lena und Bea saßen noch immer als einzige Gäste an einem der Plastiktische. Ihre großen Reiserucksäcke lehnten an der Mauer der Taverne. Bea hatte sich eine Zigarette angezündet. Lena trank aus einer Coladose.
»Geht es dir besser?«
Lenas Frage klang beiläufig, und Jessi war dankbar über die übliche spröde Art ihrer Freundin. Von Mitleid und Fürsorge hatte sie in den vergangenen Monaten eine Überdosis erhalten. Mehr davon wäre nicht zu ertragen.
Letztendlich war es auch Lenas Verdienst, dass Jessi auf Kreta überhaupt mit von der Partie sein konnte. Die Tatsache, dass sie Ärztin war, hatte Jessis Eltern überzeugt, dass eine Griechenlandreise nach den Monaten im Krankenhaus und in der Reha für sie nicht nur zu bewältigen war, sondern vielleicht sogar zu ihrer vollständigen Genesung beitragen würde. Gleichzeitig hatte Jessi sich bei dem Gespräch mit ihren Eltern einmal mehr wie eine Minderjährige gefühlt, die um Erlaubnis bitten musste, und nicht wie eine zweiunddreißigjährige Frau.
Jetzt, da Jessis Kopf und Glieder schon den gesamten Tag schmerzten und die wohlbekannte, lästige Müdigkeit immer mehr von ihr Besitz ergriff, lag klar auf