Franziska Henze
Alles gut
Es gibt Tage im Jahr, die hasst sie mehr als die anderen. Weihnachten, Silvester, Ostern, den letzten Schultag vor den Sommerferien. Heute ist wieder so ein Tag. Sie wird mit ihren Mitschülern in dem stickigen Klassenraum darauf warten, dass Herr Krull sie einzeln nach vorne beordert, die Zeugnisse aushändigt und einen schönen Sommer wünscht. Emma will nicht daran denken. Nicht daran, dass sie die nächsten sechs Wochen mit ihrem Vater in der Wohnung hocken wird, während alle anderen verreisen. Auch nicht an ihr Zeugnis. Sie weiß von der Fünf in Mathe. In Englisch ist sie ebenfalls eine Niete. »Ich muss dringend deinen Vater sprechen, er soll in meine Sprechstunde kommen«, hat Herr Krull letzte Woche gesagt und einen Termin in ihr Mitteilungsheft geschrieben. »Bin leider verhindert«, hat sie mit der flüchtigen Handschrift ihres Vaters geantwortet, mit der sie alle Rechnungen, Briefe und Verträge unterzeichnet.
Heute ist also der letzte Schultag, und selbst ihr Vater weiß, dass sie das Zeugnis im Ranzen haben wird. Das interessiert ihn, obwohl er sich sonst nicht für sie interessiert. Aus seiner Prinzessin soll etwas Großes werden.
Sie rührt in ihrer Müslischale, in der sich die Cornflakes mit dem Milch-Wasser-Gemisch zu einem klebrigen, pappigen Brei verbunden haben, und schiebt sich das Zeug in den Mund, bis die Schale leer ist. Von nebenan dringt lautes Schnarchen zu ihr, unregelmäßig unterbrochen von dem schnappenden Geräusch, das ihr Vater macht, wenn er nach Luft saugt.
Emma geht ins Wohnzimmer. Dort liegt ihr Vater wie immer auf dem Sofa. Dicke Speichelfäden hängen aus seinem Mundwinkel. Die Flasche Doppelkorn, die auf dem Fußboden liegt, ist leer. In der Bacardi-Flasche daneben sind noch drei Fingerbreit Schnaps. Er muss in sein allabendliches Koma gefallen sein, bevor er sich darum kümmern konnte. Immerhin hat er es diesmal geschafft, den Fernseher auszuschalten. Emma trägt die Flaschen in die Küche, gießt den Rest Bacardi in den Ausguss, packt die Flaschen in eineALDI-Tüte und stellt sie neben ihre Schultasche an die Tür.
»Nicht doch, Gaby, nein, geh nicht weg!«, schreit ihr Vater den Namen ihrer Mutter aus dem Wohnzimmer, es folgt lautes Wehklagen.
Emma füllt ein Glas mit Leitungswasser und kehrt zu ihm ins Wohnzimmer zurück. Sie beugt sich über ihn, streicht ihm sachte über die Wange. »Pst, leise, Papa.«
Benommen rappelt er sich auf, streckt sich. Die Haare kleben an der verschwitzten Stirn, und seine persönliche Geruchsmischung aus ungewaschen, Schweiß, Alkohol und Tabak strömt ihr entgegen. Sie hat Übung darin, den Gestank wegzudenken, damit ihr Essen drinbleibt.
»Alles gut?«, fragt der Vater wie ein Kleinkind.
»Ja, alles gut, Papa. Ich muss zur Schule. Im Kühlschrank sind noch Nudeln von gestern und Salami. Bis nachher. Und bitte mach nicht so einen Krach. Denk an die Nachbarn.«
»Was würde ich nur tun, wenn ich dich nicht hätte!« Er heult nun. »Du bist mein einziges Glück, ohne dich läge ich längst neben deiner Mutter unter der Erde.« Er tätschelt ihre Hand. »Du musst immer schön brav sein, Prinzessin, dann ist alles gut.« Er lässt sie los, seine Finger tasten weiter Richtung Fußboden. »Emma, wo ist sie? Ich weiß ja, dass die Flasche …«
Hastig huscht Emma aus dem Raum, greift Schultasche undALDI-Tüte und verlässt die Wohnung. Nein, es ist nicht alles gut. Es wird auch nie wieder alles gut sein. Weil sie zum ersten Schulausflug unbedingt einen Bauernzopf haben wollte, hat sich ihre Mutter viel zu spät auf