Kapitel 1
Damals im Kaisertum Österreich
Oktober 1811
Irgendwo in der Wiener Innenstadt
„Servus miteinand’!“ Der alte Fiaker lüftete seinen speckigen Zylinder und brachte sein offenes Gefährt neben dem geschlossenen seines Kollegen zum Stehen. Dabei war es ihm völlig gleichgültig, dass sein Fahrgast, ein preußischer Offizier in Zivil, um einezackige Beförderung gebeten hatte. „Na, wie schauen wir aus, Pepi? Es ist so ein schöner, warmer Herbsttag. Ich liefer’ den Herrn hier ab, und dann fahren wir hinaus zum Heurigen?“
„Nichts zu machen“, antwortete der andere und grinste breit. „Ich hab eine Porzellanfuhr, du verstehst? Das kann dauern.“
„Ja, dann“, sagte der Ältere und stimmte in das Grinsen ein. „Dann fahr halt deine Runden und kassier ordentlich ab. Ich gönn’s dir.“
Er schnalzte mit der Zunge, und seine beiden Pferde setzten sich in flottem Tempo wieder in Bewegung, während die Tiere des anderen in einen so langsamen Schritt verfielen, dass man den Eindruck gewinnen konnte, sie kämen kaum von der Stelle.
„Das verstehe ich nicht“, rief der Fahrgast aus dem fernen Berlin zum Kutschbock hinauf. „Welchen Sinn soll es denn haben, mit Porzellan im Wagen Runden zu drehen? Sollte man die kostbare Fracht nicht lieber schnurstracks an ihren Bestimmungsort bringen?“
„Aber woher denn!“ Der Kutscher ließ ein raues Lachen hören. „Da ist kein kostbares Geschirr nicht im Wagen. Da ist ein gnädiger Herr drin und sein Gspusi, seine weibliche Begleitung, wenn Sie verstehen, was ich meine. Wenn jemand bei uns einePorzellanfuhr bestellt, dann wissen wir, was das heißt: Immer schön langsam, und so lange im Kreis, bis der Herr fertig ist und klopft. Bis dahin darf man um Himmels willen nicht stören. Wenn man Glück hat, dauert so eine Fuhr mehr als eine Stunde und es gibt ordentlich Kohle, also Pinke-Pinke, verstehngans?“ Er blickte über die Schulter zurück und rieb zum besseren Verständnis zwei Finger und den Daumen aneinander.
„Sitten sind das hier!“, kommentierte der Berliner kopfschüttelnd.
„Das können’s laut sagen!“, gab ihm der Wiener recht. „Wir haben schon ein Glück.“
Die Insassen in der anderen Kutsche hörten vielleicht, dass draußen etwas gesprochen wurde, konnten aber die Worte nicht verstehen. Das war auch gut so, handelte es sich doch bei dem Herrn im Wagen um einen Angehörigen der allerbesten Gesellschaft. Noch dazu um einen, der nicht dafür bekannt war, allzu viel Spaß zu verstehen. Graf Heinrich Ferdinand von Kirchhoff-Aisterthal war ein groß gewachsener, stattlicher, durchaus gut aussehender Mann von einundvierzig Jahren, dessen beeindruckender dunkler Backenbart sich an manchen Stellen bereits grau färbte. Eine kleine, alte Wunde auf der Nase, die er sich beim Fechten zugezogen hatte, war etwas wuchernd verheilt, tat aber seinem guten Aussehen keinen Abbruch. Nach einer kurzen Ehe, die ihn zum ersten Mal zum Vater und mit knapp über zwanzig zum Witwer gemacht hatte, musste er auf Geheiß seines despotischen Vaters in zweiter Ehe die blutjunge, ebenso verwaiste wie verarmte, aber hochnoble Prinzessin Luise Marianne Winterfurth-Solenau heiraten, mit der ihn bis zum heutigen Tage kühle Abneigung verband. Sie hatte ihm zwei weitere Söhne geschenkt, die im Aussehen nach ihm kamen. In der Wesensart ähnelten Emil und Helmuth jedoch seiner Gattin, und zwar derart stark, dass er die beiden deshalb genauso wenig leiden konnte wie sie. Wen er jedoch leiden konnte – und zwar mehr, als ihm guttat – war das junge Fräulein, dessen linke Wade er soeben mit innigen Küssen bedeckte. Er hatte ihr kleines Lederstiefelchen abgestreift und sich ihren bestrumpften Fuß auf den Schoß gelegt. Noch ein Kuss auf den großen Zeh, dann richtete er sich auf und begann mit der Hand über ihr Knie zu streichen, bevor sie unter ihrem Rock verschwand und sich auf die Suche nach dem Strumpfband machte. Auf eine vergebliche S