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POITIERS · WINTER1096
Sahar wusste genau, was sich am 17. Oktober 1083 in Poitiers zugetragen hatte: Ein schweres Erdbeben hatte die Stadt erschüttert und die Kirche Sainte-Radegonde schwer zerstört. Im Anschluss daran hatte ein Feuer in der Stadt gewütet.
Sie wusste bloß nicht, wie sie dieses Ereignis in ihrem Schattenspiel darstellen sollte. So geübt sie darin war, die Figuren, die auf Holzstäben steckten, hinter einem durchsichtigen Vorhang aus Seide zum Leben zu erwecken – unmöglich konnte sie die ganze Szenerie erbeben lassen.
Sie streckte den Kopf hinter dem Vorhang hervor und bat um Vorschläge von Anna und Vincens, zwei Kindern von Dienstmägden, die sie heute zu ihren Zuschauern auserkoren hatte.
Ein Schulterzucken blieb zunächst die einzige Antwort. Dann sagte Vincens: »Ich will eine Geschichte sehen, in der ein Drache vorkommt.«
Gewiss war es ebenfalls eine interessante Herausforderung, einen solchen Feuer spucken zu lassen. Mithilfe glühender Kohlen könnte es vielleicht gelingen, allerdings wäre es angesichts des Seidenvorhangs sehr riskant, also schüttelte Sahar den Kopf. »Das große Erdbeben von Poitiers hat kein Drache verschuldet.«
»Dann ist die Geschichte doch langweilig.« Vincens erhob sich und suchte das Weite, ehe sie reagieren und ihn zurückhalten konnte. Bis vor Kurzem hatte er noch begierig an ihren Lippen gehangen, aber mittlerweile zog er die Gesellschaft von anderen Jungs vor.
»Gibt es in der Geschichte wenigstens eine Königin?«, fragte Anna.
»Das nicht, aber einen … Säugling.«
Sahar begab sich wieder hinter den Vorhang. An jenem denkwürdigen 17. Oktober 1083 hatte nicht nur dieses Erdbeben gewütet, sie war geboren worden, und weil das just in der Stunde, da Tag und Nacht sich trafen, geschehen war, hieß sie Sahar – in der Sprache ihrer Mutter »Morgenröte«.
Damit einher waren gleich zwei Wunder gegangen. Ihre Mutter, die zwei Jahrzehnte zuvor verstummt war, begann bei ihrem Anblick zwar nicht zu sprechen, jedoch wieder zu singen. Und sie hatte damit nicht wieder aufgehört, weil sie die jüngste Tochter – anders als die zahlreichen anderen Kinder, die man ihr immer gleich nach der Geburt entriss und ins Kloster verbannte – hatte behalten dürfen.
Grund dafür war etwas, was Sahar, als sie das erste Mal davon gehört hatte, als drittes Wunder bezeichnete: Ihr Vater Ramnulf war beim Erdbeben vom Giebel eines einstürzenden Hauses erschlagen worden. Allerdings hatte ihr großer Halbbruder Adémar erklärt, dass man den Tod eines Menschen niemals als Wunder bezeichnen durfte, selbst wenn er für andere gute Folgen zeitigte.
Es geschah nicht oft, dass er, der sie meist verwöhnte, mit strenger Stimme zu ihr sprach. Deswegen hatte sie sich gefügt und den Namen ihres Vaters lieber gar nicht mehr in den Mund genommen, zumal ihre Mutter stets ein entsetztes Gesicht machte, wenn er fiel. Wahrscheinlich war er zu Lebzeiten eine so gefährliche, unberechenbare Kreatur wie ein Drache gewesen.
Ob sie vielleicht doch einen solchen in ihre Geschichte einbauen sollte?
Sie hatte noch keine Entscheidung getroffen, als sie feststellte, dass auch Anna nicht mehr zugegen war.
Sahar seufzte. Adémar hätte geduldig gewartet, bis das Stück zu Ende war; er sah sich immer begeistert alle ihre Aufführungen an. So wie er sich gerne alles anhörte, was ihr durch den Kopf ging. Und am liebsten lauschte er den Liedern, die sie von ihrer Mutter gelernt hatte, obwohl Sahar in letzter Zeit nicht mehr singen wollte.
Doch Adémar musste immer mal wieder das Haus verlassen, so auch heute. Und das hielt ihr einmal mehr schmerzlich vor Augen, dass sie hier keine echten, schon gar keine verlässlichen Gefährten hatte, und da