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Boston, heute
Sie stand vor dem Bild, das ein Mädchen mit einem Strauß blauer Veilchen in den Händen zeigte, und betrachtete es zufrieden. Dieses Bild war ihr das liebste, vielleicht, weil sie blaue Blumen schon immer allen anderen vorgezogen hatte, vielleicht aber auch, weil es sie an ihre Schwester Violet erinnerte, die ihr die ganze Welt bedeutete.
Sie spürte, wie Tristan von hinten an sie herantrat, und drehte sich in ihrem eng anliegenden schwarzen Kleid zu ihm um. »Hey«, sagte sie und schenkte ihm ein Lächeln. »Hast du was zu trinken gefunden?«
Tristan, der einen maßgeschneiderten dunkelgrauen Anzug trug, reichte ihr ein weiteres Glas Champagner. Er selbst hielt etwas in der Hand, das nach einem Smoothie aussah.
»Ja, zum Glück haben sie hier auch was Gesundes.«
Sie musste innerlich schmunzeln. Das war typisch Tristan. Er war so ein Gesundheitsfanatiker – ganz anders als sie. Doch bei ihnen beiden traf tatsächlich das wohlbekannte Sprichwort zu, dass Gegensätze sich anzogen.
Tristan legte einen Arm um ihre Hüfte und studierte das Bild ihrer neuen Serie, das sich die letzten Monate noch in ihrem Atelier befunden hatte, jetzt aber in dieser wunderschönen Galerie aushing. Der Abend war allein ihren Werken gewidmet, etwas, wovon Iris noch vor wenigen Jahren nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Zumal sich die Galerie auch noch in der angesagten Newbury Street in Bostons Back Bay befand, wo praktisch jeder Künstler gern ausgestellt werden würde. Die Vernissage an diesem Freitagabend war nun die Eröffnung der dreiwöchigen Ausstellung, auf der Iris ihre achtzehn Blumenmädchen präsentieren durfte.
»Ich bin ungemein stolz auf dich«, sagte Tristan.
Iris konnte nur erneut lächeln und wusste jetzt schon, dass sie das an diesem wunderbaren Abend noch sehr oft tun würde.
Violet und Mia traten zu ihnen. Ihre Schwester umarmte sie zum wiederholten Mal. »Ich kann es noch immer nicht glauben! Eine ganze Galerie voll mit deinen Bildern!«, sagte sie überwältigt.
»Ja, ich denke auch immer noch, ich träume«, erwiderte Iris.
»Und diese Blumenmädchen …« Violet schüttelte fassungslos den Kopf. »Wie real die wirken. Ich meine, das Veilchenmädchen sieht genauso aus wie ich als Siebenjährige.«
Iris nickte selig. Das war ihr in Bezug auf diese Serie schon des Öfteren gesagt worden. Dass die Mädchen so wirklichkeitsgetreu erschienen und die Gesichter so ausdrucksstark.
Mia legte den Kopf ein wenig schräg und schließlich grübelnd einen Finger ans Kinn. »Warum noch mal lächelt keines dieser Mädchen?«
»Weil nun mal nicht alle kleinen Mädchen glücklich sind«, erklärte sie. »Lächelnde Kinder zeichnen kann jeder, ich aber habe es auf das Besondere abgesehen.«
»Deprimierte kleine Geschöpfe?«, fragte Mia, doch sie schmunzelte dabei, und Iris wusste, dass ihre Freundin sie nur ein wenig necken wollte.
Sie stupste sie an. »Hey, pass auf, was du sagst, sonst lade ich dich nie wieder auf eine meiner Vernissagen ein.«
»Na, du bist ja zuversichtlich«, meinte Mia mit ihrem typischen trockenen Humor.
»Gleich schütte ich dir meinen Champagner ins Gesicht«, drohte Iris, und Tristan musste lachen.
Wahrscheinlich hätte er das zu gern gesehen. Es w