Kapitel 1
Ein unrunder Geburtstag
München, 12. Juni
»Lucy, es gibt eine Programmänderung!«, rief Jacky und wechselte so abrupt die Spur, dass der Fahrer des Wagens hinter uns wütend hupte.
Ich zuckte zusammen.
»Was … was meinst du damit?«, stotterte ich erschrocken und umklammerte vorsichtshalber den Griff der Beifahrertür.
Doch meine beste Freundin grinste nur und schaltete schwungvoll in den nächsten Gang, was ihr aber erst beim zweiten Versuch so richtig gelang und dem Getriebe unangenehme Geräusche entlockte. Jacky, die eigentlich Jacqueline hieß, hatte erst sehr spät beschlossen, den Führerschein zu machen, und ihn vor zwei Wochen im dritten Anlauf schließlich bestanden. Leider war Jacky etwa genauso talentiert am Steuer, wie ich singen oder irgendein Instrument spielen konnte. Also grottenschlecht bis unterirdisch. In meinem Fall konnte ich keine musikalischen Fortschritte mehr erwarten. Doch es war schwer zu hoffen, dass sich bei ihr mit zunehmender Praxis zumindest eine deutliche Verbesserung erkennen lassen würde. Noch war es allerdings nicht so weit, und ehrlich gesagt wäre ich die zwei Stationen zu meiner Lieblingspizzeria viel lieber mit der Straßenbahn gefahren. Doch Jacky hatte darauf bestanden, mich in ihrem nigelnagelneuenVW Polo abzuholen. »Schließlich hast du heute Geburtstag!«
Ich hatte keine Chance gehabt, ihr das auszureden.
»Wo fährst du denn hin?«
Jacky zuckte mit den Schultern, während sie Gas gab, um noch rasch bei gelb über die vielbefahrene Kreuzung zu düsen.
Mir stockte der Atem. Doch Jacky schaffte es. Gerade noch.
»Geht es vielleicht ein kleines bisschen langsamer?«, bat ich leise. Schließlich wollte ich die Fahranfängerin nicht verunsichern oder verärgern, schon gar nicht, solange ich noch im Wagen saß. »Es soll heute ja nicht der letzte Geburtstag sein, den ich erlebe«, fügte ich bemüht scherzhaft hinzu.
»Keine Sorge, Lucy. Das wird ganz bestimmt nicht dein letzter sein«, beteuerte sie.
So sicher wie sie war ich mir da im Moment allerdings nicht.
»Gleich stoßen wir mit Prosecco auf deinen 29. an.«
»Ach ja? Und wo werden wir das tun?«
»Lass dich überraschen.«
Ich hasse Überraschungen!
»Überraschung!«
Fünfzehn Minuten später prosteten mir sechs Leute mit einem fröhlichen Grinsen im Gesicht zu und stimmten ein Geburtstagslied an. Die Hälfte der Gäste am Biertisch waren Kolleginnen von Jacky und mir aus der Steuer- und RechtsanwaltskanzleiGlück & Finke, in der wir als Fachangestellte beschäftigt waren. Dann war da noch Jackys Tante Karin, in deren mit Girlanden und Luftballons geschmückter Doppelgarage die Überraschungsfeier stattfand, ihr Lebensgefährte Tobias und ein mir völlig unbekannter attraktiver Typ, der als Einziger einen