: Claire Winter
: Die Erbin Roman
: Heyne Verlag
: 9783641284015
: 1
: CHF 15.20
:
: Erzählende Literatur
: German
: 592
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Eine Geschichte über Liebe, Macht und einen Mord, der in die dunkle Vergangenheit einer großen deutschen Industriellenfamilie führt.

Köln, 50er Jahre: Cosima ist Erbin der einflussreichen Industriellenfamilie Liefenstein. Doch mit der Gründung einer Stiftung für bedürftige Frauen und Mütter geht sie ihren eigenen Weg. Da tritt der Journalist Leo Marktgraf in ihr Leben, der Nachforschungen über den Tod eines Freundes anstellt. Die Leiche des Anwalts wurde am Ufer des Rheins gefunden, nur kurz nachdem er öffentlich schwere Anschuldigungen gegen die Liefensteins erhoben hatte. Cosima will Licht in die dunkle Vergangenheit ihrer Familie bringen und muss schon bald erkennen, dass nichts so ist wie es scheint. Aber in der jungen Bundesrepublik, in der niemand mehr an die Zeit des Dritten Reiches erinnert werden will, gibt es ein Netzwerk von Menschen, die noch immer mächtig sind. Sie sind bereit, alles dafür zu tun, dass Cosima und Leo der Wahrheit nicht auf die Spur kommen …

Claire Winter studierte Literaturwissenschaften und arbeitete als Journalistin, bevor sie entschied, sich ganz dem Schreiben zu widmen. Sie liebt es, in fremde Welten einzutauchen, historische Fakten genau zu recherchieren, um sie mit ihren Geschichten zu verweben, und ihrer Fantasie dann freien Lauf zu lassen. Claire Winters Romane finden sich regelmäßig auf den SPIEGEL-Bestsellerlisten. Die Autorin lebt in Berlin.

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Cosima


Bonn, Bad Godesberg, Februar 1957


In dem stuckverzierten Beethovensaal imLa Redoute hatten sich einflussreiche Unternehmer, Politiker und Diplomaten mit ihren Ehefrauen und eine Handvoll ausgewählter Journalisten eingefunden und auf den samtbezogenen Stühlen Platz genommen. Ihr Onkel hatte nicht zu viel versprochen. Sie waren alle gekommen. Jeder, der Rang und Namen in Bonn hatte, war der Einladung gefolgt.

Cosima atmete tief durch und warf einen unauffälligen Blick um sich herum. Selbst der Kanzler war erschienen. Adenauer war als einer der Letzten eingetroffen und hatte ihr freundlich zugenickt, bevor er sich auf den Ehrenplatz in der ersten Reihe gesetzt hatte. Sie war ihm in den vergangenen Jahren ein-, zweimal bei offiziellen Gelegenheiten an der Seite ihres Onkels begegnet. Trotz seiner einundachtzig Jahre strahlte er noch immer eine beeindruckende Vitalität aus, und niemand bezweifelte, dass er im kommenden Herbst bei den Bundestagswahlen erneut zum Kanzler gewählt werden würde.

Cosima spürte, wie ihre Nervosität wuchs. Nach dem Oberbürgermeister von Bonn, der gerade auf der Bühne sprach, würde ihr Onkel, Theodor Liefenstein, einige Worte sagen, und dann war sie an der Reihe. Sie hatte ihre Rede so oft geübt, dass sie sie auswendig und wie im Schlaf konnte. Trotzdem befürchtete sie plötzlich, kein Wort herauszubekommen, wenn sie dort oben stand. Das letzte Mal, dass sie vor einem größeren Publikum gesprochen hatte, war drei Jahre her. Es war auf der Schulabschlussfeier ihres Internats in St. Gallen gewesen. Doch damals hatte sie vor einem vertrauten Kreis von Familienmitgliedern, Lehrern und Mitschülerinnen gestanden, während sie heute vor der gesellschaftlichen und politischen Elite des Landes reden würde – und diese auch noch überzeugen musste.

Cosima versuchte ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Worte des Oberbürgermeisters zu richten, der von den schwierigen Lebensbedingungen nach dem Krieg sprach, dem Hunger und Mangel, den so viele in jener Zeit erlebt hatten, und wie dankbar man für den wirtschaftlichen Aufschwung der letzten Jahre sein müsse.

»Seien wir ehrlich, meine Damen und Herren, heute geht es uns so gut wie lange nicht mehr! Und trotzdem ist es nicht allen vergönnt, an diesem neuen Wohlstand und der Blüte der deutschen Wirtschaft teilzuhaben!«

Cosima sah unwillkürlich das erschöpfte Gesicht von Lisbeth vor sich. Das hier war ihre Chance, etwas für Frauen wie sie zu verändern. Angespannt strich sie den Rock ihres zartblauen Seidenkleids glatt. Sie hatte ihr hellbraunes Haar hochgesteckt und trug die schmale Perlenkette ihrer Großmutter. Elegant und vor allem seriös musste sie wirken.

Ihr Verlobter Alexander, ein dunkelhaariger junger Mann Ende zwanzig, lehnte sich zu ihr. »Nervös?«, flüsterte er.

»Ein bisschen«, gab sie leise zurück.

»Du schaffst das schon!« Er lächelte gönnerhaft.

In den letzten Tagen hatte er sich bemüht, sie zu unterstützen, musste Cosima zugeben, aber das war nicht immer so gewesen.

Als sie ihm vor knapp drei Monaten das erste Mal von ihrer Idee erzählt hatte, eine eigene Stiftung für bedürftige Frauen und Mütter ins Leben zu rufen, hatte Alexander sie nur mit ungläubiger Miene angesehen, laut gelacht und dann