PROLOG
Samuel
Glücklichsein lohnt sich nicht –
es ist nur eine verdammte Momentaufnahme.
Ein weit entferntes Geräusch lockt mich aus dem Schlaf. Schrill, wellenartig und seltsam vertraut bringt es mich dazu, die Augen einen Spalt zu öffnen. War das eine Sirene?
Ich lausche, aber da ist nichts weiter, nur das Brummen meines Schädels, das Gurren irgendwelcher Tauben auf der Dachrinne und … mein Herz fängt an, schneller zu schlagen: ihr sanftes Schmatzen, das sie manchmal macht, wenn sie schläft. Andere Menschen könnte ich für dieses Geräusch verjagen, bei ihr löst es, direkt an meinem Ohr, die schönste Form von Gänsehaut aus. Langsam drehe ich mich auf die Seite, spüre das Gewicht ihres Kopfes auf meinem Arm und vergesse, was auch immer mich geweckt hat.
Sie ist kein Traum!Wir sind es nicht. Nicht mehr.
Guten Morgen, denke ich nur und betrachte Vic. Beschließe, sie nicht zu wecken, sondern uns beiden ein Katerkaffeeà la Samu zuzubereiten.
Langsam und seltsam verdreht – wie eine billige Superheldenversion – beuge ich mich über sie. Strecke erst ein Bein, dann einen Arm zur anderen Seite des Bettes hinüber und verharre in einer liegestützähnlichen Haltung.
Vic liegt zwischen meinen Armen, mit geröteten Wangen und vollen Lippen, die ein winziges bisschen geöffnet sind. Sanft streift ihr Atem meinen Mund, und die süßliche Fahne, die mir dabei nicht verborgen bleibt, entfacht wilde Erinnerungen an letzte Nacht. Ich muss grinsen.
Während die Muskeln in meinen Oberarmen zu ziehen beginnen, beobachte ich im gedämpften Licht, wie sie die Nase rümpft. Eine ihrer dunklen Strähnen ist ihr ins Gesicht gefallen und ärgert sie wohl. Natürlich kann ich dem Drang nicht widerstehen, sie wegzustreichen. Dabei kommt ihr kleines Muttermal zum Vorschein, das sich wie eine Sichel um ihren rechten Nasenflügel schmiegt.
Verflucht, sie ist so verdammt schön.
Sie windet sich etwas unter mir, und ich halte den Atem an. Habe ich sie geweckt? Oder ist sie schon wach?
Nie im Leben. Bei der Nummer, die ich hier über ihr veranstalte, hätte sie schon längst losgelacht und mich einen Creepy Stalker genannt.
Ich spüre, wie meine Wangen anfangen zu brennen, und atme gedämpft aus.Was machst du nur mit mir?
Mit einer vorsichtigen, raschen Bewegung reiße ich mich von ihrem Anblick los und schwinge mich von meinem alten Kinderzimmerbett.
Mit beiden Beinen lande ich auf dem Boden und fühle mich noch immer betrunken – nur auf diese andere Art, die Darf-für-immer-bleiben-Trunkenheit. Schmunzelnd grabe ich meine Zehen in den abgenutzten Frotteeteppich und spüre das Kitzeln eines leichten Windzugs. Er dringt durch das offen stehende Dachfenster und bringt eine kühle Brise Alpenluft herein.
Ist es früher Morgen oder schon Mittag? Wo sind noch mal die Handys? Oder können wir uns für immer hier verstecken?
Das Rollo ist heruntergezogen, aber durch den Schlitz an der Seite dringt ein greller Lichtstrahl, der aufgescheuchte Staubkörner zum Tanzen bringt und auf ein zerfleddertes Poster von Ash Ketchum und Pikachu trifft.
Genau hier habe ich mic