: René Anour
: Tödliches Gebet Ein Fall für Commissaire Campanard
: Heyne Verlag
: 9783641326654
: Campanard ermittelt in der Provence
: 1
: CHF 4.50
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 384
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
»Das Böse hat Einzug gehalten in den Mauern von Sénanque.«

Notre-Dame de Sénanque in der Provence: Seit fast 900 Jahren ruht die altehrwürdige Abtei inmitten leuchtender Lavendelfelder. Neuerdings macht hier ein Mönch von sich reden, der behauptet, der Teufel würde ihm die Zukunft zuflüstern. Als eine seiner Prophezeiungen eintritt, ein Mord an einem Klosterbruder, ist Commissaire Louis Campanard zur Stelle. Der Ermordete war für ihn nicht irgendwer: Vor Jahren stand Frère Bernard dem Ermittler in dessen dunkelster Stunde bei. Campanard schwört, denjenigen zu fassen, der diesen für ihn so wichtigen Menschen aus dem Leben gerissen hat. Doch die uralten Klostermauern geben ihr Geheimnis nicht freiwillig preis. Es heißt, hier sei das Böse eingezogen. Campanard will das nicht glauben, doch die folgenden Ereignisse stellen seine Überzeugungen auf die Probe …

René Anour studierte Veterinärmedizin und promovierte im Bereich Pathophysiologie, wobei ihn ein Forschungsaufenthalt bis an die Harvard Medical School führte. Inzwischen ist er als Experte für neu entwickelte Medikamente für die European Medicines Agency tätig. Als Autor ist er mit Krimis und Sachbüchern erfolgreich. Für die Recherche von »Tödlicher Duft« hat er sich intensiv mit der Region um Grasse und der betörenden Welt der Parfümkreation befasst.

PROLOG
DER HÄFTLING


VOR EINIGEN JAHREN


Wie konnte jemand auf die perfide Idee kommen, eine Lerche zu rupfen?

In Frère Bernards Gedanken hallte ein altes Kinderlied wider.Alouette, gentille alouette, alouette, je te plumerai …

Eine merkwürdig fröhliche Melodie, wenn man darüber nachdachte, dass die Lerche in dem Text des Liedes Stück für Stück auseinandergenommen wurde. Beinahe unheimlich. Bernard vermutete außerdem, dass es darin in Wahrheit gar nicht um einen Singvogel ging, sondern um das unfreiwillige Entkleiden einer Frau, was das Ganze noch abgründiger machte.

Er vertrieb das Lied aus seinen Gedanken, schirmte sein Gesicht gegen die Sonne ab und betrachtete die Feldlerche, die wild flatternd über die von Mohnblumen übersäte Wiese flog und sich die Seele aus dem Leib sang.

Er lächelte. Kaum ein Geräusch ließ ihn den Frühling so sehr spüren wie der Gesang dieses kleinen Vogels.

Das Schöne an seinem Leben war, dass es Zeit für Momente wie diesen erlaubte. Zeit, in der er nicht fürchten musste, dass das Smartphone in seiner Tasche vibrierte oder er manisch seine WhatsApp-Nachrichten checkte. Er konnte hier stehen, beobachten, wie der Wind durch die frischgrüne Blumenwiese wogte, die warme Luft einatmen, die nach sandiger Erde, Blüten und dem nahen Meer roch, und der Feldlerche und den Grillen zuhören. In der Gewissheit, dass es gerade absolut nichts Besseres zu tun gab.

Nach einer Weile senkte Bernard schließlich den Blick und ging die kleine Landstraße entlang auf ein wuchtig wirkendes Steingebäude zu.

Es war früher einmal ein mittelalterliches Fort gewesen. Frère Bernard wusste nicht genau, wem es gehört hatte. Heute diente es nicht unbedingt einem heitereren Zweck.

Ein uniformierter Wachposten nickte ihm zu und öffnete die Tür. Sobald Bernard in den schattigen Gang trat, spürte er Kälte auf seiner Haut, so als würden die Steinmauern noch einen letzten Hauch von Winter abstrahlen.

»Der Directeur erwartet Sie bereits im ersten Stock, Frère.«

»Vielen Dank.«

Bernard stieg die Steintreppe hinauf wie schon viele Male zuvor. Im ersten Stock war die Verwaltung untergebracht, und kein Teil des alten Forts wirkte moderner und freundlicher. Durch die Fenster der Büros überblickte man die liebliche Landschaft außerhalb des Gebäudes, nicht den Innenhof. In den Räumen waren Parkettböden verlegt, es gab Vorhänge und Zimmerpflanzen. Vielleicht, damit man vergessen konnte, wo man eigentlich arbeitete.

Er klopfte an die Eichenholztür und trat kurz darauf ein.

Der Mann hinter dem Schreibtisch war verblüffend jung für diesen Job mitten im Nirgendwo – und mit einer so großen Verantwortung. Kaum älter als dreißig hatte Frère Ber