Kapitel 1
Ein schwüler Spätsommerabend neigte sich dem Ende zu. Die blaue Stunde war vorüber, die Luft lag in schweren Schwaden über den Hügeln. Die Nacht war angebrochen, doch die damit einhergehende Abkühlung ließ noch auf sich warten. Hoch über dem Ortskern von Montecatini thronte der Torre dei Belforti in beinahe eleganter Dunkelheit, die von einem so tiefen Blau zu sein schien, wie es selbst Michelangelo nicht reiner auf seiner Palette hätte mischen können. Nur am Fuße des Torre zeichneten ein paar Straßenlaternen einen ausgewaschenen Kranz gelb-braunen Lichtes auf das alte steinerne Gemäuer.
Mit der Dunkelheit legte sich auch die Stille über die Gassen des Ortskerns. Das Leben spielte sich Samstagnacht für gewöhnlich unterhalb der ViaXX Settembre im tiefer gelegenen Zentrum auf der Piazza Repubblica ab. Doch auch hier war es an diesem ersten Septemberabend ruhiger als sonst an einem Wochenende. Ein lauer Wind, kaum spürbar, fuhr durch Blusen und Hemden, kühlte erhitzte Haut. Die wenigen Menschen, die auf der Piazza verweilten, vernahmen verschwommene Klänge von Gitarren und Bandoneon und dumpfes Stimmengewirr, gefolgt von Gelächter; eine Geräuschkulisse, die der Wind aus dem Garten von Marta und Valerio Bertini herübertrug. Dort war das halbe Dorf zusammengekommen, um Ferragosto zu feiern. Für die einen der Wendepunkt des Sommers, für die anderen Mariä Himmelfahrt. Der 15. August war zwar seit über zwei Wochen vorüber, doch wie alles in diesem Bergdorf etwas langsamer vonstattenging, dauerte auch das Feiern der Sommerwende länger als anderswo. Hier gehorchte die Zeit nicht dem Diktat von Uhren und Kalendern, sondern dem Rhythmus der Menschen. Man erzählte sich die Geschichte, dass der alte Octavio vor Jahrzehnten einmal am Karfreitag seinen Weihnachtsbaum entsorgt hätte. Außerdem verlangte die Tradition des Ortes, Ferragosto bis Mitte September an jedem Wochenende zu feiern. Und an diesem Abend hatten Marta und Valerio zur Grigliata geladen.
Ihr Garten lag unweit der Piazza Repubblica, ein Stück unterhalb des Zentrums, in einer Senke: ein weitläufiges Gelände, auf dem ein Dutzend Olivenbäume ihr knorriges Dasein fristeten. Heute waren sie mit bunten Girlanden geschmückt. Im Gras steckten Fackeln, die Neuankömmlingen den Weg wiesen und deren Flammen tänzelnde Schatten auf die Gesichter warfen.
Der Aperitif war längst getrunken, das Fest in vollem Gange. Valerio hatte am frühen Abend den Grill angeworfen und den gemauerten Pizzaofen mit Olivenholz beheizt. Schon beim Betreten des Gartens schlug einem der Duft von gegrilltem Lamm und gebackener Pizza entgegen, vermischt mit Rosmarin und Knoblauch. Auf den zu einer Tafel zusammengestellten Tischen standen Schüsseln mit Salaten, Teller mit Tomaten und Oliven, dazu Körbe mit Focaccia.
Auch Commissario Francesco Scotti feierte mit. Er saß am Ende der Tafel neben Nicoletta, einer alten Schulfreundin, die vor ein paar Jahren die ortsansässige Drogerie ihres Vaters übernommen hatte. Scotti goss Nicoletta ein Glas Wein ein, als sich Valerio mit einem Servierteller aufgetürmten Fleisches bemerkbar machte.
»Francesco, Nicoletta, kann ich euch beiden noch ein Stück Lamm auflegen?« Er wartete die Antwort nicht ab und schaufelte den beiden eine Portion auf die Teller, von der eine vierköpfige Familie satt geworden wäre. »Es ist saftig und zergeht auf der Zunge. Ich habe Lisa selbst großgezogen.«
»Lisa?«
»Na, das Lamm.«