: J. M. Miro
: Der Bote aus Staub und Asche – Dunkle Talente Roman
: Heyne Verlag
: 9783641290382
: "-Reihe
: 1
: CHF 13.50
:
: Fantasy
: German
: 736
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Wir schreiben das Jahr 1883: Nach der Zerstörung des Orsine, dem Zugang zur Welt der Toten, liegt das Cairndale Institut in Trümmern und Marlow ist in der Welt der Toten gefangen. Als sich aus den rauchenden Ruinen Cairnales ein uraltes Grauen erhebt, müssen die dunklen Talente einen zweiten Orsine finden, um die Gefahr zu bannen. Doch niemand weiß, wo dieser zweite Zugang zur Welt der Toten liegt, und ob er überhaupt existiert. Für die dunklen Talente beginnt eine abenteuerliche Reise über London und Agrigent bis in die tiefsten Katakomben von Paris ...

J. M. Miro lebt und schreibt im Pazifischen Nordwesten.

1


Seelenverwandt

Alice Quicke stand im düsteren Licht von Montparnasse unter einer heruntergekommenen Platane, den Kragen ihres Ölzeugmantels aufgestellt, der Regen tropfte von ihrer Hutkrempe.

Sie war still, ihre Augen dunkel. In ihrem Ärmel versteckt trug sie ein Fingermesser, ein weiteres steckte in einem Halfter an ihrem Fußgelenk. In der einen Hand hielt sie eine meterlange Eisenstange. Ein Fiaker bog um die Ecke, der Kutscher verborgen. Donnernd und scheppernd und spritzend fuhr er an ihr vorbei, die Laternen an der Seite schaukelten hin und her. Sonst war Paris dunkel. Der Regen war dunkel.

Sie sah gewöhnlich aus – jedenfalls für das gewöhnliche Auge. So war das mit Monstern: Den echten sah man es nicht an. Alice war schon fast einen Monat in der Stadt und erzeugte bei allen Menschen, denen sie sich näherte, ein leichtes Unbehagen, das sich dann in der Menge ausbreitete wie eine sich kräuselnde Welle auf einem Teich. Es lag nicht an ihrer Kleidung, an der Hose, dem fleckigen Ölzeugmantel – in Paris zumindest erregte eine Frau in Männerkleidung wenig Aufmerksamkeit. Auch dass die Knöchel ihrer Hand dicker waren als die der meisten Männer und die Rückseite ihrer Handgelenke vernarbt wie die eines Schmieds oder dass ihr gelbes verfilztes Haar mit Erde verklumpt war: Nichts davon war ausschlaggebend. Ausschlaggebend war der schmale halbmondförmige Glanz in ihrem Auge – wie ein waagerechtes Messer. Ein Glanz, der genügte, um die meisten neugierigen Nachfragen von vornherein abzuschrecken. Nur vier Monate zuvor hatte sie ihren Partner und Freund getötet, ihm eine Kugel ins Herz gejagt und ihm dabei direkt in die Augen geblickt. Und schon davor hatte sie schreckliche Dinge sehen müssen, Dinge, die eigentlich ins Reich der Märchen gehörten: Kinder, die mit seltsamen Fähigkeiten gestraft waren – und Monster, echte Monster, solche, die sie immer noch sah, wenn sie die Augen schloss. Eines dieser Monster hatte sie schwer verletzt, sie auf dem Dach eines rasenden Zugs mit einem Tentakel aus Rauch durchbohrt. Und was es auch war, womit dieses Monster sie damals infiziert hatte: Es steckte immer noch in ihr. Jeden Morgen wachte sie vor Schmerzen auf und presste sich die Hand an die Rippen, auf die alte Wunde, bildete sich ein, dass sich dort etwas Monströses entfaltete, direkt unter der Haut, ein Teil von ihr.

Jetzt kam eine Gestalt in einem schlammbespritz