1.Meine Großmutter war eine Wanderpredigerin der Lebenslust: Ihr Credo, das sie nicht müde wurde zu wiederholen, lautete: Lass dir das Recht aufs Handeln nicht nehmen. Werde vor allen Dingen nie zum Spielball anderer. Sicherheit ist eine Illusion. Verschiebe nichts. Sei nie der Schuster, der bei seinen Leisten bleibt. Trotze dem Leben das Abenteuer ab. Und langweile dich nicht, am wenigsten mit dir selbst.
Ob Liebeskummer, Ärger mit den Lehrern, ob pubertär bedingte Melancholie oder Angst vor der Zukunft, immer gab sie denselben Kommentar ab, um meine Klagen in Grenzen zu halten: »Jungchen, wat willste? Det is det Leben.« Immer wieder dieser eine kluge Satz, der mir im Leben ein Geländer war.
Wenn man mich bäte, in knappen Worten das Milieu meiner Kindheit zu beschreiben, würde ich sagen: Mein Vater trug Hut, meine Mutter wischte Staub, und meine Großmutter trug Kostüm.
Als meine Großmutter starb, war ich Anfang dreißig. Ihr Tod liegt also fast vierzig Jahre zurück. Unsere beiden Leben haben sich lediglich drei Jahrzehnte überschnitten. Im ersten Jahrzehnt war ich zu jung, um mich mit ihr auszutauschen, im dritten war sie zu alt, am Ende dement. Im Grunde kannten wir uns nur kurz. Viel zu kurz.
Auf unerklärliche, fast gespenstische Weise ist mir meine Osi seit ein, zwei Jahren so präsent, als hätte sie sich erst vorgestern von mir verabschiedet. Sie kommt mir beim Autofahren in den Sinn oder wenn ich abends im Bett liege und mein bisheriges Leben Revue passieren lasse. Etwas befremdlich finde ich das schon. Freilich habe ich sie häufig vermisst. Aber es ist nicht so, dass ich verlässlich einmal in der Woche über sie nachgedacht habe. Gut, ich bin immer mal wieder nach Kassel zu ihrem Grab gefahren – was auch das Grab meiner Mutter und meines Großvaters ist –, habe Blumen hingelegt und ein bisschen innegehalten. Aber jetzt, im Spätsommer meines Lebens, ist meine Großmutter mir so nah wie noch nie nach ihrem Tod.
Diese plötzliche Verbundenheit kann ich mir nur so erklären, dass sie neben der Rolle einer Großmutter eine Schwester im Geiste war. Wahrscheinlich sind wir Seelenverwandte gewesen, haben uns aber aufgrund der Generationsabfolge verpasst. Möglicherweise bleibt tatsächlich die Energie mancher Menschen, wenn sie gestorben sind, so präsent, als ob sie nie weg gewesen wären. Ich habe, pathetisch gesprochen, das Gefühl, dass viel von ihr in mir weiterlebt, ohne dass ich es bisher bemerkt hätte. Man könnte gar sagen: Sie hat sich nach ihrem Ableben wie ein blinder Passagier bei mir eingenistet.
»Mit wem kannste ein Scheißhaus stürmen?«
Es gibt in meiner Familie keine Onkel, Tanten oder andere Zeitzeugen, sodass ich zwar ein paar Fakten rekonstruieren kann, aber nicht die Emotionen, die Empfindungen, was mir durchaus wichtiger wäre. Mein Vater war Einzelkind, ebenso meine Mutter und ich leider auch. Nach meinem Tod wird niemand mehr etwas über meine Großmutter wissen. Was ja das Schicksal von uns allen ist: dass wir vergessen werden, wenn unsere Geschichte keiner mehr kennt, keiner aufschreibt.
Meine Großmutter kam Ende des 19. Jahrhunderts im vorstellbar ungünstigsten Zeitslot zur Welt. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war sie sechzehn, zu Beginn des Zweiten Weltkriegs einundvierzig Jahre alt. Ende der 1930er-Jahre verließ sie zusammen mit ihrem Mann, meinem Großvater Hugo, ihre Heimat Wittenberg, ging Richtung Westen, nach Kassel. Dort wurde sie ausgebombt, verlor alles, nur nicht ihren Humor. Sie hat beide Weltkriege überlebt. Als sie schließlich anfangen konnte, in Freiheit und mit etwas Wohlstand nach ihrer Façon zu leben, war sie bereits fünfzig und Großmutter. Meine Großmutter.
Was soll eine nachwachsende Generation überhaupt mit der Lebensgeschichte einer Frau anfangen, die vor fast einhundertdreißig Jahren geboren wurde? Interessant und amüsant für mich ist, dass da jeman