: S. F. Williamson
: Die Sprache der Drachen Roman
: Heyne Verlag
: 9783641321369
: Die Sprache der Drachen
: 1
: CHF 16.10
:
: Fantasy
: German
: 512
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
London im Jahr 1923. Seit fünfzig Jahren hält der Frieden zwischen Menschen und Drachen, doch er wird zunehmend brüchig – auch, weil immer mehr Menschen gegen das strenge Klassensystem protestieren, das die Grundlage für den Friedensvertrag ist. Vivien Featherswallow ist fest entschlossen, sich haargenau an die Regeln zu halten, um an der Akademie für Drachensprache aufgenommen zu werden und damit sicherzustellen, dass ihre kleine Schwester Ursa niemals in die unterste Klasse abrutscht. Doch dann werden ihre Eltern verhaftet und Vivs Welt bricht zusammen. Verzweifelt nimmt sie einen mysteriösen Job an: In Bletchley Park soll sie die Sprache der Drachen entschlüsseln. Das Leben ihrer Familie hängt davon ab – doch je mehr Viv über die Drachensprache lernt, desto klarer wird ihr, dass alles, was sie zu wissen glaubte, eine Lüge ist …

S. F. Williamson war schon immer von Sprachen fasziniert. Sie ist davon überzeugt, dass Sprachen lebendige Wesen sind, die sich ständig verändern und anpassen, deswegen hat sie Französisch und Italienisch studiert. Ihr Roman »Die Sprache der Drachen« ist von ihrer Arbeit als Übersetzerin inspiriert, bei der ihr bewusst wurde, dass immer etwas verloren geht, wenn man eine Sprache in eine andere überträgt.

2


Jetzt, wo ich mich an die Übersetzung des Wortes in einer der Drachensprachen erinnere, fallen mir auch weitere ein. Die Übersetzungen rollen mir von der Zunge, während ich mit wild durcheinanderwirbelnden Gedanken Richtung Esszimmer laufe.

Faitour. Slangrieger. Izmamnees.

Zwei Friedenswächter stehen in der Eingangshalle, um ihre Füße herum überall die Scherben der eingeschlagenen Haustür. Das Lampenlicht wird von Visieren zurückgeworfen, die ihre Augen verbergen. Als Dad aus dem Esszimmer stürzt, komme ich schlitternd zum Stehen.

»Wie können Sie es wagen, mein Haus zu betreten …«

Durch die kaputte Eingangstür kommen nun noch weitere Wächter marschiert, das Glas knirscht unter ihren schweren Stiefeln. Sie ergreifen Dad.

»Lasst ihn los!«

Ich mache eine Bewegung auf meinen Vater zu, aber Onkel Thomas ist schneller am Ziel. Er wirft sich zwischen Dad und die Wächter, und ich höre ein abscheuliches Geräusch, als sein Fuß auf ein Knie trifft. Einer der Wächter geht zu Boden.

»Vivien!«

Mama ruft von der Tür aus nach mir. Ich erreiche sie gleichzeitig mit einem Wächter, der seine Waffe auf uns gerichtet hält. Ursa schreit und windet sich in Marquis’ Griff, versucht, zu Dad zu gelangen. Marquis wirft seinen freien Arm vor Mama und mich und starrt dem Wächter ins Visier.

»Tut ihnen nicht weh«, sagt er. »Bitte.«

Ich stehe da wie festgefroren und starre auf den Lauf der Kanone, die nun gegen Marquis’ Schulter gedrückt wird. Ursa kauert sich hinter Mama zusammen und vergräbt ihr Gesicht in deren Rock, als der Wächter plötzlich die Waffe senkt.

»Helina Featherswallow, John Featherswallow, Thomas Featherswallow«, sagt er, »Sie sind wegen des Verdachts auf zivilen Ungehorsam verhaftet.«

Ziviler Ungehorsam?

Mindestens zehn Wächter befinden sich nun in unserer Eingangshalle. Dad und Onkel Thomas werden auf den Boden gedrückt, ihre Hände auf dem Rücken in Handschellen gelegt. Ich starre Mama an. Sie weint leise vor sich hin und streichelt über Ursas Kopf. Warum erklärt sie den Wächtern nicht, dass das hier ein schreckliches Missverständnis sein muss?

»Sag es ihnen, Mama«, flehe ich sie an. »Sag ihnen, sie haben das falsche Haus erwischt.«

Mamas blaue Augen sind wie elektrisiert. »Nimm deine Schwester und deinen Cousin und verschwinde aus London«, sagt sie auf Bulgarisch zu mir. Nun werden ihre Hände vorne am Körper in Handschellen gelegt. »Lauft so weit fort von hier, wie es geht.«

Mein Herz sinkt.

»Mama!« Stolpernd läuft Ursa hinter Mama her, während zwei der Wächter sie vorwärts Richtung Haustür stoßen und dabei ihre Taschen durchsuchen. Draußen auf der Straße warten ein paar elegante schwarze Wagen. In den Fenstern der benachbarten Häuser zucken die Gardinen. Der Himmel ist dunkel wie Drachenrau