: Titus Müller
: Die Dolmetscherin Roman
: Heyne Verlag
: 9783641329754
: 1
: CHF 12.60
:
: Erzählende Literatur
: German
: 416
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Mit Fakten und Fiktion erzählt Titus Müller eine große Geschichte vor dem Hintergrund historischer Ereignisse

Asta arbeitet als Dolmetscherin im Kurhotel »Palace« in Mondorf-les-Bains, wo die US-Armee gefangengenommene Nazi-Größen interniert. Am 20. Mai 1945 reist ein neuer Gast an. Er bringt 16 Koffer, eine rote Hutschachtel und seinen Kammerdiener mit. Es ist Hermann Göring, Oberbefehlshaber der Luftwaffe und Hitlers designierter Nachfolger. Asta übersetzt bei den Verhören, reist dann mit nach Nürnberg zu den Prozessen und wird jeden Tag im Gerichtssaal anwesend sein, die abscheulichsten Dinge zu hören bekommen und sie zudem ins Englische übertragen müssen. Umso empfänglicher ist sie für Leonhard, ein junger, sensibler Mann, der ihr sanft den Hof macht. Doch seine Vergangenheit ist undurchsichtig und er stellt verdächtig viele Fragen zu den Prozessen ...

Titus Müller, geboren 1977, studierte Literatur, Geschichtswissenschaften und Publizistik. Mit 21 Jahren gründete er die Literaturzeitschrift »Federwelt« und veröffentlichte seither mehr als ein Dutzend Romane. Er lebt mit seiner Familie in Landshut, ist Mitglied des PEN-Clubs und wurde u.a. mit dem C.S. Lewis-Preis und dem Homer-Preis ausgezeichnet. Seine Trilogie um »Die fremde Spionin« brachte ihn auf die SPIEGEL-Bestsellerliste und wird auch von Geheimdienstinsidern gelobt.

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Die Gefangenen saßen verstreut auf dem Rasen. Sie hatten Decken ausgebreitet und sich darauf niedergelassen. Manche von ihnen hatten sich bis zum Bauch entblößt, sie saßen mit geschlossenen Augen da, rückwärts auf die Hände gestützt, und genossen die Sonnenwärme auf ihrem behaarten Körper. Andere hatten Klappstühle herausgetragen und sie zu kleinen Runden zusammengestellt, sie plauderten. Als sie Asta bemerkten, verstummten die Gespräche.

»Wie war Ihr Flug?«, fragte der amerikanische Sergeant, der sie zum Hotelgebäude begleitete.

»Wir wurden ziemlich durchgeschüttelt.« Sie warf erneut einen Blick auf die Gefangenen. War es ihre Unbeschwertheit? Das Selbstbewusstsein, das sie zur Schau stellten? Die Männer so zu sehen, ließ ihr die Galle hochkommen.

Die Gerüchte waren falsch. Weder waren die Naziführer nach Südamerika geflohen, noch versteckten sie sich in den Alpen, um sich neu zu formieren. Sie waren hier im Badeort Mondorf-les-Bains. Reichsminister, hohe Funktionsträger und Generäle.

Die Szenerie glich einem fröhlichen Picknick. Der Stacheldraht, der das elegante luxemburgische Hotel umgab, war mit Stoffbahnen und Tarnnetzen behängt. Über den blauen Himmel zogen Schäfchenwolken.

»Die Nazis wohnen hier im Hotel?«, fragte sie, als sie in den Schatten des Gebäudes traten.

»Sie haben Zimmer im dritten und vierten Stock.« Der Sergeant war jung. Seine Augen saßen unter buschigen blonden Brauen. »Unten sind die Verhörräume und der Speisesaal.«

Gewöhnliche Kriegsgefangene schliefen in Massenunterkünften, in Baracken oder schlammigen Zelten. Warum behandelte man die Naziführer so freundlich, ausgerechnet diese Männer, die den Weltkrieg zu verantworten hatten?

Sie lagerten beieinander wie Raubtiere nach getaner Jagd, zufrieden und satt gefressen. Unter dem friedlichen Himmel, beim Tschilpen der Spatzen im Gebüsch, hockte das Böse auf der Wiese, es hatte sich eingenistet, es klebte wie Schlamm an den Gräsern.

Sich Zugang zu diesem Ort zu verschaffen, war nicht leicht gewesen. . Sie hatte lügen müssen, hatte Dinge tun müssen, die sie verwerflich fand. Aber es war ihr gelungen, alle Widerstände zu überwinden.

Der Sergeant hielt ihr höflich die Tür auf. Die Sessel in der Lobby waren abgenutzt, der Teppich an einigen Stellen verschlissen. Trotzdem besaß der Raum Eleganz. Schwere samtene Vorhänge schmückten die Fenster, und Trockenblumensträuße aus vergangenen Zeiten sorgten für Behaglichkeit. Hinter dem Tresen der Rezeption blinkten Dutzende goldener Haken, an denen einst Schlüssel gehangen hatten.

Ein älterer Offizier verlangte ihre Papiere. Nachdem er sie kurz studiert hatte, reichte er ihr einen Schlüssel. »Zimmer Nummer vierzehn, im Nebengebäude. Mahlzeiten um sieben, um zwölf und sechs Uhr am Abend.« Sein Englisch war gestochen scharf, das Englisch eines Mannes, de