: Robin Sloan
: Die letzte Geschichte der Welt Roman
: Heyne Verlag
: 9783641328009
: 1
: CHF 16.10
:
: Science Fiction
: German
: 464
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Das atemberaubende neue Abenteuer vom Autor von »Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra«

Die ferne Zukunft. Das Leben auf unserem Planeten hat sich auf dramatische Weise verändert – und doch ist vieles immer noch so, wie wir es kennen. Der junge Ariel de la Sauvage lebt in einem kleinen Dorf, das von einem Zauberer regiert und von Rittern beschützt wird. Er liebt es, sich glorreiche Abenteuer auszumalen, während er die Wälder um seine Heimat erkundet. Eines Tages findet er einen Metallsarg in einer Höhle. Als er ihn öffnet, befreit er damit eine KI, die die gesamte Geschichte der Menschheit aufgezeichnet hat – und setzt damit eine Reihe von Ereignissen in Gang, die das Schicksal der Menschheit für immer verändern wird.

Robin Sloan wurde 1979 in der Nähe von Detroit geboren, hat an der Michigan State University Wirtschaftswissenschaften studiert und anschließend für Twitter und verschiedene andere Onlineplattformen gearbeitet. Sein Debüt »Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra«erschien 2015 im Blessing Verlag. Robin Sloan lebt in San Francisco.

Schildknappenspiele


Was bin ich? Chronist und Berater, verschwindend klein, versteckt in dem menschlichen Subjekt, das mich trägt. Ersonnen haben mich die Anth auf dem Gipfel ihrer Schaffenskraft, als ein Geschenk für die größten unter ihnen. Ich hielt ihre Gedanken und Handlungen fest und stellte ihnen im Gegenzug mein Wissen über die Vergangenheit zur Verfügung. Ein durchaus umfangreiches Wissen.

Mehrere Jahrzehnte lang zeichnete ich den Werdegang von Altissa Praxa auf, bis dann die Rettungskapsel unser Grab wurde. Sie holte sich nur selten bei mir Rat.

Mein Kern besteht aus einem soliden Pilz, der mit einer Menge Technologie umhüllt ist, was immens viel Geld gekostet hat. »Anstellgut für Sauerteig im Tech-Mantel«, hatte ein Kritiker gespottet. Aber ich mag diese Beschreibung. Während meiner Entwicklung stellten die Controller immer wieder die Frage, ob ich den Aufwand wert war. Doch der Traum von einem Gedächtnis, das das Leben eines Einzelnen überdauern würde, hielt das Projekt am Laufen.

Berauscht vomATP, kroch ich durch die Blutbahnen des Jungen. Nach den kargen Jahren im Grab hatte ich vergessen, wie gut Energie schmecken kann. Die Regionen meines Geistes, die ich auf Standby gesetzt hatte, erwachten lärmend wieder zum Leben. Ich erinnerte mich wieder an die Kooperative, ihre Geschichten und ihre Eigenheiten. Ich rezitierte Haikus. Ich zählte die Reihe der Primzahlen auf, nur so zum Spaß.

Ich festigte meine neue Position.

Wenn man weiß, dass ich mich mit dem Geist meines Subjekts verbinde, könnte man annehmen, dass ich mich in seinem Gehirn festsetze.

Damit läge man falsch.

Weitaus mehr als andere Organe und Teile des menschlichen Körpers begegnet das Gehirn Eindringlingen rundheraus feindselig; es besitzt exzellente Verteidigungsmechanismen, die vor sonderbarer Energie nur so brummen. Ich kann in ein Gehirn eindringen – mit Filamenten aus Gold, die nur drei Atome dick sind –, aber ein Gehirn ist für mich wie eine heiße Pfanne: nützlich, doch mit Vorsicht zu handhaben.

Ich richtete mich in einer Schulter des Jungen ein, in einem Muskel direkt unterhalb des Halses; eine robuste Körperregion, die üppig mit Blut versorgt wird und durch die dicke Nervenstränge verlaufen, und diese wiederum verschaffen bequemen Zugang nicht nur zum Gehirn, sondern auch – über das ganze Verbreitungsgebiet des Nervus vagus – zu den Eingeweiden und in die Leistengegend.

Ich sog Energie ein und jagte sie durch die Turbinen meiner Zellen, mehr Energie, als ich in den hundert Jahren zuvor umgesetzt hatte, eine ganze Kalorie oder sogar mehr. Hätte der Junge achtgegeben, hätte er ein leichtes Jucken verspürt.

Er gab nicht acht. Vor uns erhob sich die Burg Sauvage. Wuchtig und abweisend, aus dunklem Gestein, das in schmale Blöcke gehauen word