: Juliane Jensen
: Wir Mädchen vom Kiez Roman
: Heyne Verlag
: 9783641313838
: 1
: CHF 7.10
:
: Erzählende Literatur
: German
: 384
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Das sündige St. Pauli und eine unschuldige Liebe

Hamburg 1953: Auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Stiefvater landet Hanna im verrufenen Viertel der Stadt. Sie wird überfallen und kann sich in letzter Sekunde in ein Bordell retten. Der junge Hausmeister Richard kümmert sich rührend um sie und versteckt sie zunächst in seiner Kellerwohnung. Puffmutter Evke hat genug Sorgen mit ihrer dunkelhäutigen Tochter Lorelei, die in der Nachbarschaft zur Zielscheibe des Spotts geworden ist, doch Evke ist ein guter Mensch, und nach einigem Zögern bietet sie Hanna ein Dach über dem Kopf. Aber auch im Wirtschafswunderland gibt es nichts geschenkt, und Hanna droht ein Schicksal als Dirne. Dann jedoch hat sie eine grandiose Idee, wie sie ihren Lebensunterhalt auf andere Art und Weise verdienen kann. Richard wird ihr dabei helfen – nur sein Herz bleibt ihr verschlossen. Wird Hanna seine Liebe doch noch gewinnen?

Juliane Jensen lebte viele Jahre in direkter Nachbarschaft zu St. Pauli. Als Jounalistin für diverse Printmedien schrieb sie häufig über die Menschen auf dem Kiez, die trotz aller Widrigkeiten dem Leben ins Gesicht lachten. Ihnen ist sie bis heute eng verbunden, und ein paar der Schicksale, denen sie damals nachspürte, finden sich in ihrem Roman wieder. Heute schreibt sie für verschiedene Publikumsverlage.

2


Oben auf der Straße klapperten Milchflaschen, ein Zeitungsjunge pries das Sonntagsblatt an und in der Ferne wurde das Möwenkreischen vom lauten Tuten eines Schiffes übertönt.

Hanna setzte sich im Bett auf. Obwohl der Morgen angebrochen war, war es im Kellerraum fast so dunkel wie in der vergangenen Nacht. Weder brannte die Glühlampe, noch war eine Kerze angezündet. Das Tageslicht hatte auf halbem Wege nach hier unten aufgegeben und so waren die wenigen Möbel in ein dumpfes Grau getaucht.

Vorsichtig tastete Hanna nach ihrer Stirn. Im nächsten Moment zuckte sie erschrocken zusammen. Die Beule fühlte sich tatsächlich riesig an. Vielleicht hatte diese Carmen ja recht gehabt, obwohl sie selbst noch nie weder einen Vogel Strauß noch ein Straußenei gesehen hatte. Jedoch hatte der Schmerz ein wenig nachgelassen und selbst jetzt nach dem Aufwachen pochte er nicht mit der gleichen Wucht wie gestern Abend.

Also schwang Hanna die Beine über den Bettrand und stand probehalber auf. Es klappte ganz gut, sie musste sich nur mit einer Hand am Kopfteil festhalten.

Sogar zwei Schritte schaffte sie, bevor sie sich erschöpft wieder hinsetzte. Sie war stolz auf sich.

Ganz langsam beugte sie sich hinunter zu ihren Schuhen, nahm den linken hoch und klappte die Innensohle auf. Sie war kaum überrascht, als sie feststellte, dass der Geldschein, den sie sich mühsam zusammengespart hatte, verschwunden war. Trotzdem war es ein harter Schlag. Nun, das war nicht mehr zu ändern. Sie würde sich ein paar Mark von Richard borgen müssen, um von hier fortzukommen. Sonst kannte sie niemanden in der großen Stadt.

In spätestens ein oder zwei Tagen war sie hoffentlich so weit wiederhergestellt, dass sie nach Hause fahren konnte. Dann würde sie dieses Abenteuer schnell vergessen und froh sein, wenn sie nie wieder einen Fuß nach St. Pauli setzen musste.

Im nächsten Augenblick fiel ihr ein, dass sie nicht nach Hause zurückkehren konnte. Weder nach Salzhausen noch nach Ostpreußen. Nein, dorthin schon gar nicht. Ihre Heimat gehörte seit Jahren zu Polen, Litauen und Russland.

Hanna hatte sich dank ihrer Jugend schneller daran gewöhnt als ihre Mutter, die ihr halbes Leben im östlichen Winkel Deutschlands verbracht hatte. Aber dass ihr nun auch die Lüneburger Heide verwehrt sein würde, konnte Hanna kaum ertragen. Trotz aller Widrigkeiten war sie froh gewesen, dass sie nach der Flucht von Schloss Wilhelmstal wieder gewusst hatte, wohin sie gehörte. Nach Salzhausen. Dieses Heimatgefühl war nun wieder zerstört worden – von einem Mann, der sie hätte umsorgen sollen.

Es gab keinen Platz mehr für sie auf dieser Welt.

Sie musste an die kleine Fritzi denken, ihre jüngste Cousine. Zehn Jahre alt und ein wahrer Sonnenschein. Eigentlich hi