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Rosalina
Es ist Frühling in Orca Cove, und alles ist grau.
Nicht, dass das ungewöhnlich wäre. Der Himmel ist mit schweren Wolken verhangen, kein einziger Lichtstrahl der aufgehenden Sonne dringt durch sie hindurch. Sie sehen aus, als drohten sie jeden Augenblick zu platzen, so sehr scheinen sie mit Regen gefüllt.
Genauso fühle ich mich auch. Nach außen hin grau und leer, aber innerlich am Explodieren. So, als wäre da etwas in mir, das ungeduldig kratzend darum bettelt, herauskommen zu dürfen.
Aber ich kann es nicht herauslassen.
Doch es sind nicht nur die dichten Wolken über uns, die Orca Cove jegliche Farben entziehen; auch die Menschen erscheinen aschfahl; die Holzhäuser trist. Es kommt mir vor, als hätte ich all die Farben vergessen, die ich gerade erst zu sehen gelernt habe.
Papa und ich laufen die Straße hinunter in Richtung unseres kleinen Häuschens am Rande der Stadt. Er sprüht vor Energie, fast scheint er zu hüpfen. Er macht sich nichts aus den Blicken, die sich auf uns richten, weil er so laut redet, oder den Leuten, die die Straßenseite wechseln, um uns ja nicht zu nahe zu kommen. Auch ich mache mir nichts daraus. Nicht mehr.
»Hörst du mir eigentlich zu, Rose?« Papa wedelt mit der Hand vor meinem Gesicht herum. »Zuerst können wir die Rosenblüte zerkleinern und in das Tonikum der Steintafel geben, die ich in Rumänien ausgegraben habe, oder wir können es mit diesem Schlaflied und dem Tanz aus dem Kinderbuch versuchen. Wir müssen uns nur einen guten Baum dafür suchen. Du hast doch so eine ausgezeichnete Intuition. Was meinst du, welchen Baum sollen wir nehmen?«
Beinahe muss ich laut auflachen. Mit meiner Intuition habe ich in letzter Zeit ziemlich danebengelegen.
»Papa«, erwidere ich, »ich werde ganz bestimmt nicht tanzend und singend um einen Baum herumhüpfen, als käme ich aus irgendeinem verdammten Musical.«
Er fixiert mich mit seinen hellblauen Augen und seufzt schließlich. »In Ordnung. Dann versuchen wir es erstmal mit dem Tonikum.«
Schuldgefühle machen sich in mir breit, und ich ergreife seinen Arm und lehne den Kopf an seine Schulter. Wir laufen im Gleichschritt. Vom Hafen her hört man das Geschrei von Möwen, und ich nehme den intensiven Geruch von Kiefern in mich auf. »Lass uns den langen Nachhauseweg an der Trauerweide vorbei nehmen.«
Wenn es gerade einen Lichtblick in meiner grauen Welt gibt, dann den, dass ich mich zum ersten Mal in meinem Leben mit meinem Vater verbunden fühle. Die ersten sechsundzwanzig Jahre meines Lebens habe ich nichts als Groll ihm gegenüber empfunden, weil er mich ständig allein ließ, während er zu seinen irrwitzigen Steifzügen aufbrach, um das Reich der Fae zu finden. Jetzt aber bin ich seine Komplizin.
Nachdem Keldarion mich aus dem Verwunschenen Tal verbannt und mir den einzigen Weg hindurch ve