Kapitel 1
Vierzehn Jahre lag das letzte Telefonat mit Timo zurück.
Hier saß Sünje nun, an der Küste der Halbinsel Valdés und schaute hinaus auf das Wasser. Das Meer hatte ihr sonst stets Trost gespendet, egal ob die deutsche Nordsee, an der sie aufgewachsen war, oder der Atlantik in ihrer Wahlheimat Argentinien.
Sünje vergrub ihre Finger im heißen Sand und ließ die warmen Wellen des Golfo Nuevo ihre Füße umspielen, verspürte jedoch immer noch denselben Schmerz wie auf der Alpaka-Ranch. Ein Schmerz, der sie in seiner Intensität überraschte. Der sich tief in sie hineinbohrte und Erinnerungen wachrief. Erinnerungen, die noch mehr Schmerz brachten.
Vor einer halben Stunde hatte sie in dem Brief vom Notar gelesen, dass ihr Vater gestorben war. Äußerlich war sie wie erstarrt, innerlich weinte sie. Denn auch nach vierzehn Jahren verspürte sie immer noch Groll. Sie fand es unverzeihlich, was er getan hatte. Er hatte ihr den Aufenthaltsort ihrer Mutter verheimlicht.
Nach dieser schockierenden Entdeckung hatte Sünje ihn damals mit der geballten Kraft einer wütenden Zwanzigjährigen angeschrien: »Ein Vater enthält seiner Tochter nicht ihre Mutter vor.«
»Brigitte will uns nicht«, antwortete Raik bitter. »Sie hat uns verlassen, als du gerade einmal drei Monate alt warst. Hat ein paar Sachen gepackt und ist einfach weg. Welche Mutter tut so etwas?«
»Das gibt dir nicht das Recht, mich über ihren Verbleib im Unklaren zu lassen. Du hast mich angelogen, hast behauptet, du wüsstest nicht, wo sie lebt.« Anklagend hielt sie ihm den Zettel mit Brigittes Adresse hin.
Raik benutzte sein Hörgerät nur, wenn er den Tinnitus nicht länger ertrug und ihn überdecken wollte, indem er das Rauschen des integrierten Tinnitus-Noisers lauter stellte. Zwischendurch verlegte er es ständig. Sie hatte ihm geholfen, es zu suchen, und die Notiz gefunden.
»Nach einem Jahr rief deine Mutter an«, setzte ihr Vater zur Erklärung an. »Sie erzählte mir, dass sie im argentinischen Teil Patagoniens eine Alpaka-Ranch übernommen hat. Zuerst hielt ich das für einen Scherz.« Ihr Vater verzog das Gesicht. »Sie fragte, wie es dir geht, aber sie hat nichts davon gesagt, dass ich dir später, wenn du älter bist, ihre Anschrift mitteilen soll. Warum hätte ich sie also erwähnen sollen? Das hätte dir nur noch einmal das Herz gebrochen.«
»Du hast mir das Herz gebrochen ... mit deinem Schweigen«, warf Sünje ihm vor. Ein Schluchzer drang aus ihrer Kehle. »Ich hätte die ganze Zeit Kontakt zu meiner Mutter haben können, Zeit, die ich nicht zurückholen kann, sie ist unwiderruflich verloren.«
»Tut mir leid, wenn ich das so offen sagen muss«, begann Raik behutsam. »Brigitte hat dir keine Geburtstagskarten und keine Weihnachtsgeschenke geschickt. Alle Jubeljahre rief sie mich an und erkundigte sich nach uns. Sie hat mich kein einziges Mal gebeten, dich ans Telefon zu holen.«
Die Worte trafen sie wie Messerstiche. »Sie wird ihre Gründe gehabt haben«, erwiderte Sünje schmallippig.
»Und ich hatte meine dafür, keinen Kontakt zwischen euch herzustellen.« Ihr Vater fügte beschwörend hinzu: »Ich wollte verhindern, dass sie dich ein weiteres Mal bitter enttäuscht.«
»Jetzt hast