14. Kapitel
Berlin-Moabit,JVA, Untersuchungsgefängnis, Montag,7. August,12.59 Uhr
Rocco hatte im Lauf der Jahre die unterschiedlichsten Menschen vertreten. Und mit der Zeit hatte er gelernt, sie zu lesen. Von brutalen, rücksichtslosen Schwerverbrechern über Einmaltäter, die selbst Opfer ihrer überschäumenden Emotionen geworden waren, bis hin zu den wenigen, die tatsächlich unschuldig waren.
Jan Staiger konnte er auf den ersten Blick in keine dieser Kategorien einordnen, was ungewöhnlich war. Er sah dem jungen Mann in die geröteten Augen und erkannte darin weder Schuld noch Unschuld.
Staiger hielt Roccos Blick nur kurz stand und fummelte dann eine Schachtel Zigaretten aus seiner Tasche. »Kann man hier rauchen?«, fragte er.
»Klar«, erwiderte Rocco.
Staiger zündete sich eine Zigarette an, schloss die Augen und sog den Rauch tief in seine Lunge. Dreimal. Als er seine Augen wieder öffnete, wirkte er ruhiger. Das Nikotin schien zu wirken. Die Unsicherheit, die ihn eben noch umgeben hatte, war gleichfalls wie weggeblasen. Mit einem geradezu hochmütigen Ausdruck musterte er Rocco von oben bis unten.
»Sind Sie wirklich Rocco Eberhardt? Der Anwalt aus dem Fernsehen?«
»Warum fragen Sie?«
»Ich hatte Sie mir größer vorgestellt. Außerdem mit Anzug und so. Irgendwie anders.«
Rocco ignorierte die Bemerkung. Er war es gewohnt, dass seine Mandanten erst einmal checken wollten, woran sie bei ihm waren. Ob sie ihm vertrauen und wie weit sie gehen konnten. Generell galt die Faustregel: Man hat etwa dreißig Sekunden Zeit, um seinem Gegenüber klarzumachen, dass man der Chef im Raum ist. Erstaunlicherweise war es genau das, was die meisten Straftäter brauchten. Sie trauten ihrem Anwalt nur, wenn sie ihn respektierten.
»Weil ich gerade keinen Anzug trage, bin ich nicht weniger ein Anwalt. Tatsächlich ist heute eigentlich mein freier Tag, und bin lediglich aufgrund der Empfehlung des Kollegen Humke hier. Harald Humke, der Sie gestern in Tempelhof vertreten hat.«
»Und der mir nicht weiterhelfen wollte«, fügte Staiger zynisch hinzu.
»Spielt das eine Rolle?«, entgegnete Rocco. »Er hat gestern seine Arbeit erledigt, und wenn wir beide uns einig werden, kann ich Ihnen ab jetzt weiterhelfen.«
»Ich weiß ja noch gar nicht, ob ich Sie als Anwalt haben will«, erwiderte Staiger.
»Das ist Ihre Entscheidung. Es steht Ihnen natürlich frei, sich von einem anderen Anwalt vertreten zu lassen«, hielt Rocco ihm entgegen und blickte ihn mit festem Blick direkt an. Von einem Moment auf den anderen fiel Staigers Selbstbewusstsein in sich zusammen. Die Positionen waren geklärt. Staiger realisierte, dass er Rocco dringender brauchte als der ihn.
Nervös blickte er sich um. Rocco, der sofort wusste, was Staiger suchte, holte den billigen Blechaschenbecher von der Fensterbank. Er stellte ihn vor Staiger auf den Tisch und setzte sich wieder.
»Und wie geht es jetzt weiter?«, fragte Staiger.
»Vielleicht sagen Sie mir einfach mal, warum Sie hier sind«, sagte Rocco und lehnte sich in dem in die Jahre gekommenen Behördenstuhl zurück.
»Keine Ahnung. Weiß ich nicht.«
Natürlich, dachte Rocco,das weiß ja keiner. Doch anstatt mit einer spitzen Bemerkung auf den Satz einzugehen, den er schon Hunderte Male zuvor von Menschen in Staigers Situation gehört hatte, schwieg er einfach. Er wollte Staiger erst einmal seine Version der Dinge erzählen lassen, ohne ihn mit irgendwelchen Fragen in eine bestimmte Richtung zu lenken.
Staiger schwieg.
Eine knappe Minute, die sehr lang war, saßen sich die beiden wortlos gegenüber. Bis Staiger die Stille offensichtlich nicht mehr ertragen konnte.
»Ich weiß auch nicht. Irgendwie ist das alles scheiße gelaufen.« Er zog an seiner Zigarette. »Ich hatte mich Freitagabend mit Lukas imKönigssohn getroffen. Wir wollten einfach was trinken. Und quatschen und so.« Staiger schüttelte den Kopf. »Das Nächste, woran ich mich erinnern kann, sind diese Bullen. Die haben mich Sonntagfrüh aus dem Bett geklingelt, in die Wohnung zurückgedrängt und mir Handschellen angelegt. Und dann haben die meine Bude auseinandergenommen.« Staiger aschte seine Zigarette ab. »Dass ich Lukas ermordet haben soll, hat der Oberbulle behauptet. Und mich dabei so hämisch angegrinst. Sonst haben sie nichts gesagt. Ich wusste bis dahin nicht mal, dass Lukas tot ist!«
Sta