Kapitel3
Drøbak, fünfunddreißig Tage vor der Parlamentswahl, Abend
»Warum heißt es Meidell-Skandal?«
Jens Meidell öffnete die Augen einen Spaltbreit. Nach dem Abendessen waren Liv und er aufs Hotelzimmer gegangen, um auszuspannen, aber er musste eingeschlafen sein. Draußen war es dunkel, und Regen rieselte in eine Dachrinne. Vom Nebenbett waren gedämpfte Bassschläge zu vernehmen, die aus einem Paar Kopfhörer drangen. Jens schob sich in Sitzposition nach oben und sah auf die Uhr. Er hatte eine Verabredung und war spät dran. »Was hörst du da?«
»Labo’D«, ließ die Tochter ihn wissen. »Zwei Mädels aus Bergen. Sie sind cool. Aber warum heißt es Meidell-Skandal?«
»Warum fragst du danach?«
Liv zeigte ihm das Buch, in dem sie las,Niemals zerbrochen. Christina Nielsen hatte es ihm während des Abendessens gegeben. Die stellvertretende Vorsitzende der Arbeiterpartei hatte es selbst geschrieben. Auf dem Cover war ein Foto von Christina und ihrem Ehemann zu sehen, auf dem sie Händchen hielten. »Hier steht, dass sie durch den Meidell-Skandal verstanden habe, wie mächtige Männer sich zusammenrotten.«
»Nun.« Jens platzierte seine Füße auf dem Boden. »Du weißt doch, dass Großmutter als Parteivorsitzende zurücktreten musste«, sagte er. »Aber weißt du auch, warum?«
»Hatte es nicht irgendwas mit Steuern zu tun?«
»Als ich ein bisschen jünger war als du, wurde Großmutter als erste Frau zur Vorsitzenden der Arbeiterpartei gewählt. Sie war bereits Justizministerin gewesen, und alle glaubten, sie würde auch die erste Ministerpräsidentin des Landes werden. Aber im Frühjahr vor der Parlamentswahl fingen die Zeitungen an, über ihren Vater zu schreiben, deinen Urgroßvater. Sie deckten auf, dass er viele Immobilien besessen hatte, und um keine Steuern zahlen zu müssen, es so gedreht hatte, dass es den Anschein hatte, sie würden einem Unternehmen in Luxemburg gehören.«
»Er hat betrogen?«
»Ja.«
»Aber was hat das mit Oma zu tun?«
»Sie war seine Erbin. Dein Urgroßvater ist plötzlich gestorben, und Großmutter sagte den Zeitungen gegenüber, dass sie nichts von den Immobilien gewusst habe. Dann aber tauchte ein Brief von einer Bank in Luxemburg auf, in dem sie als Vorstandsmitglied des besagten Unternehmens aufgeführt war.«
Die Erbsünde war in Livs Gesicht zu lesen, als sie die Kopfhörer wegschob. »Sie war also daran beteiligt?«
»Großmutter gab an, Urgroßvater habe ihren Namen ohne ihr Wissen dort angeführt. Aber das half nichts. Der ganze Aufruhr ruinierte den Wahlkampf. Die Arbeiterpartei verlor die Wahl, und Großmutter war gezwungen, als Parteivorsitzende zurückzutreten.«
»Glaubst du, dass sie die Wahrheit gesagt hat?«
»Das Gericht hat sie freigesprochen.«
»Das war nicht die Frage.«
Die Unermüdlichkeit seiner Tochter zwang Jens unweigerlich zu einem Lächeln. »Ich weiß es nicht. Unabhängig davon bekam das Ganze den Namen Meidell-Skandal.«
»Aber warum schreibt sie, dass mächtige Männer sich zusammengerottet haben?«
»Irgendjemand hat den entlarvenden Brief an die Medien weitergeleitet«, sagte Jens. »Einige glauben, es waren Leute aus der Partei, die sie loswerden wollten. Mächtige Männer, die keine Frau als Parteivorsitz haben wollten.«
Die Stimmung im Bankettsaal war ausgelassen, und es wimmelte nur so von Parteileuten. Jens hatte versprochen, mit Christina ein Glas zu trinken, bevor es ihm jedoch gelang, nach ihr zu suchen, wurde er von einer sommersprossigen jungen Frau mit Parteibluse undStolze Feministin-Button auf der Brust angehalten. »Wir haben über deinen Vortrag diskutiert«, sagte sie. »Es