Gymnasium
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„Könnte ich wählen zwischen dem Ersten im Dorf und dem Letzten in Rom, würde ich das Zweite wählen“ –, ich weiß nicht mehr, wer das sagte. Im Dorf war ich schulisch und sportlich einer der Besten, im Gymnasium ging ich in der Menge unter, war zudem einer der Kleinsten. Manche Lehrer verzogen das Gesicht, wenn sie meinen Dorfdialekt hörten.
In der 5. und 6. Klasse hatte ich noch großen Ehrgeiz und war mit ganzer Aufmerksamkeit dabei. Meine Leistungen waren guter Durchschnitt. Fast ein Drittel der Mitschüler mussten zurück zur Haupt- oder Realschule wechseln. Aus vier Klassen wurden drei. Ab der 7. Klasse kam Französisch als zweite Fremdsprache neben Englisch hinzu und die Ansprüche der Lehrkräfte stiegen.
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Mein Gebetsritual hatte ich überwunden, aber es hatte sich in einen nervigen Kontrollzwang verwandelt. Vor allem die Haustür machte mir zu schaffen, manchmal musste ich dreimal zurücklaufen, um mich zu vergewissern, dass sie wirklich zu war. Das Gleiche passierte nach einem großen Geschäft auf der Toilette – „Hab’ ich genügend abgespült?“ Es hatte vielleicht mit meiner oft nörgelnden Mutter zu tun, sie hatte diesen Charakterzug von ihrem Vater geerbt oder nachgemacht. Zudem mussten ihr, Jahre zuvor, die Eierstöcke und die Gebärmutter entfernt werden, was sie hormonell aus dem Gleichgewicht brachte.
Ich durchschaute, dass es krank war, diesem unsinnigen Zwang zu gehorchen und ich begann, ihm zu widerstehen, was mit sehr unangenehmen Gefühlen verbunden war, vor allem der Angst, es könnte dadurch etwas Schlimmes geschehen. Dagegen halfen Rauchen und Bier trinken. Im Winter 1972, ich war zwölfeinhalb Jahre alt, verführte mich meine fast 17-jährige Schwester zu der ersten Zigarette, zeigte mir, wie man auf Lunge raucht. Nach dem ersten tiefen Zug fiel ich rückwärts aufs Bett. Sie wollte es vor den Eltern verheimlichen und hatte Angst, ich würde sie verraten, deshalb nahm sie mich mit ins Boot. Ich verführte die gesamte Dorfclique, wobei einige bald wieder aufhörten, aus Unverträglichkeit oder elterlichem Gehorsam. Bald folgten die ersten Partys mit Bier und Wein, später auch sämtliche härtere Getränke, auf die ich durch den widerlichen Geschmack beim Erbrechen einen Ekel entwickelte. Was blieb, waren Bier und Jägermeister, der schmeckte beim Erbrechen noch nach frischen Kräutern.
Der Klassenkamerad, der mich damals nach Hause führte, hatte zwei ältere Brüder, in deren Partykeller durften wir am Wochenende feiern, wenn er frei war. Zudem gab es noch eine Hütte im Wald, gut versteckt. Sie war von älteren Jungen gebaut worden und wir hatten einen Schlüssel für sie. Dort trafen wir uns über die kältere Jahreszeit, es gab darin einen Holzofen. Die ersten