: J. Ryan Stradal
: Samstagabend im Lakeside Supper Club
: Diogenes
: 9783257615609
: 1
: CHF 28.00
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 384
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Für Betty war er die Rettung aus existenzieller Not. Für Florence eine Bürde und der Ort ihrer schlimmsten Niederlage. Für Mariel ist er ein Traum, in dem sie sich selbst verwirklicht. Für Julia ist er eine bloße Legende, die nichts mehr mit ihr zu tun hat: Im ?Lakeside Supper Club? am Bear Jaw Lake in Minnesota trotzen vier Frauen dem Leben auf ganz unterschiedliche Weise ihr Quäntchen Glück ab.

J. Ryan Stradal, geboren 1975, wuchs in Hastings, Minnesota, auf. Er studierte Film, Fernsehen und Radio an der Northwestern University. Er ist Lektor, Redakteur und Produzent von Fernsehserien. Seine Romane ?Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens? und ?Die Bierkönigin von Minnesota? waren ?New York Times?-Bestseller. J. Ryan Stradal lebt in Los Angeles, Kalifornien.

ZWEI

Zwischen Mitternacht und fünf Uhr morgens passierte nie etwas Gutes. Davon war Florence nicht nur überzeugt, es war bewiesen. Niemand, der einen um diese Uhrzeit aufweckt, hat etwas Anständiges anzubieten oder möchte irgendwelche guten Nachrichten mit einem teilen. Die Mitte der Nacht ist der Zeitpunkt, an dem einem Dinge genommen werden.

»Florence, Florence«, flüsterte ihre MutterBetty ihr ins Ohr und schüttelte sie.

Florence wachte auf, öffnete aber nicht die Augen.

»Bist du wach?«, fragte ihre Mutter. »Ich habe diesen Ort satt, lass uns einen anderen suchen.«

»Schon wieder?«, fragte Florence. Ihre Mutter hatte in letzter Zeit eine Menge Orte satt, in der Regel zwischen Mitternacht und fünf Uhr morgens. »Irgendwie gefällt es mir hier.«

Tat es wirklich. Außerdem hatte sie sich ihr Leben lang einen Garten gewünscht, und dieses Haus hatte hinten ein kleines Fleckchen Erde, wo sie eine einzelne Rhabarberstaude gepflanzt hatte. Das war nicht viel, aber sie gehörte ihr.

»Nein, tut es nicht«, sagte ihre Mutter. »Hier, zieh deine Jacke an.«

»Kann ich mich nicht noch umziehen?«

»Ich habe deine Sachen bereits gepackt. Du kannst dich umziehen, wenn wir irgendwo angekommen sind.«

»Wohin gehen wir?«

»Lass uns das herausfinden«, sagte ihre Mutter und lächelte.

 

Die häufigen, frühmorgendlichen Fluchten waren für Florence stets beängstigend gewesen. Mit zunehmendem Alter jedoch wurde ihr klar, dass ihre Angst weder jemandem half noch die Entscheidungen ihrer Mutter beeinflusste und dass es härter und weltläufiger war, genervt zu sein. Diesmal nervte es Florence ganz besonders, dass ihre Mutter entschieden hatte, in einer so kalten Nacht zu fliehen. Schließlich gab es Wettervorhersagen, die die Leute in ihre Planung mit einbeziehen konnten, doch manchmal schien ihre Mutter gegen gesunden Menschenverstand immun zu sein. Vor zwei Tagen, an ihrem zwölf‌ten Geburtstag, war es zehn Grad wärmer gewesen, und selbst wenn es ein lausiges Geburtstagsgeschenk gewesen wäre, wieder auf der Straße zu sein, ohne einen Platz zum Schlafen, wäre ihr das lieber gewesen als zu erfrieren.

Als wäre Florence noch nicht ausreichend beunruhigt, musste sie sich an diesem Morgen schon wieder einen vonBetty Millers Lieblingssprüchen anhören: »Ablehnen kann man immer.« Seit ihre Mutter vor vielen Jahren ihr Auto verkauft hatte, hatte sie eine Menge Mitfahrgelegenheiten abgelehnt. Aber um drei Uhr morgens schien es nicht so, als gäbe es genug Autos und Lastwagen auf den Straßen von Lake Ci