Tag 1
Ärgerlich warf Rylee die marode Wohnungstür ins Schloss. Hoffentlich war ihr Vater, sie korrigierte sich schnell, ihr Stiefvater, nicht zu Hause. Wobei Stiefvater es ebenfalls nicht richtig traf. Schließlich hatten er und seine Frau sie nie adoptiert, obwohl sie fast achtzehn Jahre, also praktisch ihr ganzes Leben, in der Familie aufgewachsen war.
Wie für alle Handlungen ihrer Pflegeeltern waren auch hier finanzielle Gründe ausschlaggebend. Das Jugendamt zahlte gut, wie ärmlich die Versorgung der Schutzbefohlenen in den Pflegefamilien auch ausfiel.
Rylee kannte es nicht anders. Sie hatte nicht hungern müssen und es gab Schlimmeres, als Kleider von der Wohlfahrt zu tragen.
In der Schule hielt sie sich abseits. Mit dem schlecht gekleideten Kind wollte niemand etwas zu tun haben, und sie hatte nie Geld, um etwas mit den anderen zu unternehmen. So oft es ging verließ sie die enge Wohnung, in der es schmutzig war und stank und ihre Pflegeeltern meist in unterschiedlichen Stadien des Betrunkenseins auf der Couch und im Sessel lungerten, und streunte durch ihr Viertel. Als sie einer Gang in die Quere kam, boxte sie mehr aus Schreck als mit Absicht dem Wortführer auf die Nase und brach ihm das Nasenbein. Zu ihrer Überraschung brachte ihr das keine Prügel, sondern widerwilligen Respekt ein, und sie durfte ab und zu mit ihnen abhängen. So schnappte sie einige Tricks auf, und als ihr Stiefvater ihre erwachende Pubertät mit immer gieriger werdenden Blicken belohnte, stellte sie die Sache ein für alle Mal klar, indem sie ihm beim ersten Versuch, sie anzufassen, zwischen die Beine trat.
Seitdem war sie nur noch geduldet und sehnte den Tag herbei, an dem sie ihr Zuhause, wenn man es überhaupt so nennen konnte, verlassen würde.
Morgen würde sie achtzehn Jahre alt werden und wäre theoretisch ihr eigener Herr, doch immer noch wusste sie nicht, wohin sie gehen sollte.
Sie war gut in der Schule und entschlossen, Abitur zu machen, auch wenn das hieß, noch etwas länger bei den Pflegeeltern aushalten zu müssen.
Doch noch war unklar, ob das Amt weiter zahlen würde. Der Bescheid sollte morgen ergehen. Falls nicht, musste sie wohl ab morgen auf der Straße schlafen.
In der Wohnung war es still. Ihre Pflegemutter war am Tag zuvor im Suff gestürzt und hatte sich eine Rippe gebrochen. Wahrscheinlich holte ihr Stiefvater sie aus dem Krankenhaus ab.
Sie ging in die Küche und öffnete hoffnungsvoll den Kühlschrank, fand aber nichts darin, das halbwegs essbar aussah.
Sie seuf