Kapitel 1
Es war ein wundervoller, sonniger Morgen auf Capri. Von Letizias Balkon aus war das Meer zu sehen. Es hatte auch an diesem Tag eine ganz besondere Farbe. So eine Mischung aus allen Schattierungen von Blau und Grün.
Türkis?
Ja und nein.
Letizia wusste selbst nicht so recht, welche Bezeichnung am besten passte. Sie wusste nur, dass ein Blick darauf wie Balsam für ihre Seele war. Noch mehr, da das Meer sich an diesem Tag so hübsch bewegte, dass es den Wellen weiße Krönchen aufsetzte. Krönchen bis zum Horizont, Krönchen ins Unendliche. Ein Anblick, der sie immer wieder aufs Neue erfüllte. Sie war mit dem Meer groß geworden. Daran sattsehen konnte sie sich aber nicht.
»Meraviglioso!«, sagte Liberato, ihr Nachbar, der mit seiner Familie den Sommer über das Häuschen ihr gegenüber bewohnte. Anders als Letizia hatte er eine Dachterrasse, die zu dieser Uhrzeit exklusiv von ihm genutzt wurde. Seine Frau Anna und die beiden Söhne frühstückten lieber in der Küche, wie er Letizia mal erzählt hatte. Nicht so Liberato, der mit seinem erstencaffè an diesem Tag dasaß und verträumt den Ausblick genoss.
Letizia war ein bisschen stolz, dassihr Meer für so viel Entzücken sorgte. Sie verstand ihn gut …
Nun nickte sie und winkte ihm. Der Wind rüttelte sanft an ihrem Rock, schob ihr ein paar lose Locken ins Gesicht und transportierte hoffentlich auch ihren Gruß direkt zu Liberato.
Letizia gab sich schließlich einen Ruck, pflückte eine noch unreife Zitrone von dem Bäumchen, das schon seit mindestens sechs Jahren im großen Terrakotta-Topf auf ihrem Balkon wuchs. Sie musste es aus Platzgründen immer wieder stutzen, und irgendwann würde sie sich schweren Herzens davon trennen müssen. Bäume waren nicht geschaffen für ein Leben auf Balkonen.
Sie schlüpfte durch das Balkonfenster zurück in die Küche und warf ihrer Schwester die Zitrone zu, um die sie sie gebeten hatte. Angelina trank ihren Tee morgens immer mit einer Scheibe davon. Doch jet