1. KAPITEL
Rosa blickte sich verzweifelt um, las in den Gesichtern, die auf sie gerichtet waren, jedoch nur Tadel. Kein einziges Mitglied ihrer Familie stand auf ihrer Seite oder zeigte Verständnis für ihr Anliegen.
Letzteres hatte sie zumindest von Tante Orfelia erwartet, die sich ansonsten immer als gutmütig erwies und ihr vieles durchgehen ließ: Sie hatte verschwiegen, dass Rosa einmal eine teure Vase kaputt gemacht hatte, und überdies immer die kleinen Diebstähle aus der Speisekammer gedeckt. Schließlich hatte sie selbst eine Schwäche für Süßes, obwohl sie zerbrechlich dünn war. Doch nun hielt sie ihren Blick beharrlich auf den Boden gesenkt.
»Tante Orfelia!«, rief Rosa hilfesuchend. »Nun sag doch auch etwas!«
Aber Orfelia schwieg und überließ wie so oft ihrer älteren Schwester Eugenia das Wort. Die war genauso dünn, die Furchen im Gesicht waren jedoch tiefer, und die Stimme war nicht hell und hoch, sondern dunkel und heiser. Auch sie war zu Rosa zwar nie wirklich streng gewesen, aber ihrem Bruder Alejandro, Rosas Vater, bedingungslos ergeben.
»Du solltest deinem Vater wirklich dankbar sein.«
Rosa schüttelte den Kopf. Sie hatte mehrfach all ihre Argumente vorgebracht, aber es war, als würde sie gegen eine Wand reden – weder die Tanten noch Alejandro de la Vegas selbst gingen darauf ein. Ihr Vater erklärte stattdessen zum nun schon wiederholten Male: »Ricardo del Monte stammt aus einer alten Familie Valencias, die genauso wie unsere in der Neuen Welt ihr Glück gemacht hat. Ricardo selbst hat beim Unabhängigkeitskrieg Uruguays tatkräftig mitgekämpft.«
Rosa unterdrückte ein Seufzen. Das, was Alejandro für Ricardo del Monte einnahm, sprach in ihren Augen genau gegen ihn.
Die »33 Unsterblichen« hieß jene Gruppe Uruguayer, die sich einst gegen die Spanier erhoben hatten, um Uruguay von der Fremdherrschaft zu befreien. Das war nun zwanzig Jahre her – was wiederum bedeutete, dass Ricardo del Monte, wenn er damal