NORÉY
Noréys Herz raste so heftig, dass ihr von dem lauten Dröhnen und Pochen ganz schwindelig wurde.
Sie hatte sich ins Stofflager der elterlichen Weberei zurückgezogen und kauerte nun im hintersten Winkel, wohin sich sonst kaum jemand verirrte. Staub lag auf dem Boden und unter den Regalen, einzig Katzenpfoten hatten hier in letzter Zeit ihre Spuren hinterlassen. Katzen auf der Jagd nach Mäusen – und wie eine ängstliche Maus, so versteckte auch Noréy sich im Zwielicht.
Aber das würde ab heute vorbei sein. Sie wollte endlich keine Angst mehr haben müssen. In den vergangenen Tagen hatte sie jeden Tempel der neun Götter besucht und jedem eine Kerze angezündet oder eine kleine Gabe im Feuer verbrannt. Mit ihrem Beistand musste es gelingen.
Noréy hatte die Hand zur Faust geschlossen, und es war gar nicht so leicht, sie nun wieder zu öffnen. Als sie die verkrampften Finger löste, glänzte der glatte, bohnengroße Gran-Stein schwarz in ihrer Hand.
Eigentlich hätte er schon vor vier Jahren in ihrem Magen verschwunden sein und sie von dort aus bis an ihr Lebensende vor dem Bösen beschützen sollen, das in jedem einzelnen Menschen Abreliens lauerte und ihm nach dem Leben trachtete. Jedes Kind musste im Alter von sechs Jahren den Stein im Rahmen einer festlichen Zeremonie schlucken und konnte sich fortan frei bewegen.
Auch Noréy hatte das Arnas-Fest gefeiert und vor versammelten Verwandten und Freunden den Gran-Stein geschluckt. Doch in der Nacht darauf, als alle schliefen, war sie von einem schrecklichen Krampf geweckt worden. Und dann geschah etwas Unvorstellbares: Wie ein harter Käfer kroch der Stein durch ihre Kehle wieder hinaus. Sie würgte und würgte, hatte das Gefühl zu ersticken. Seitdem trug sie den Stein immer so nah wie möglich am Körper – aber eben nicht darin.
Wohl ein Dutzend Male hatte sie es seitdem wieder versucht, mit dem immer gleichen Ergebnis.
Heute musste es endlich klappen, denn es war wieder Arnas-Tag, an dem sämtliche Sechsjährige auf dem ganzen abrelischen Kontinent den Stein schluckten.
Noréy saß mit dem Rücken an ein Regal gelehnt und starrte den Stein an, der so ganz klein und harmlos in ihrer Handfläche lag. »Bitte, bitte, ihr Götter!«, wisperte sie.
Keine Angst mehr. Keine Angst vor den Schatten! Gleich hast du es geschafft, versprach sie sich und wischte mit der anderen Hand durch den gräulichen Schemen, der sich fast konturlos auf ihrer lichtabgewandten Seite über den glatten Holzboden streckte. Dies war das Übel. Hier, genau hier. Auf ewig mit ihr verbunden. Die Gefahr lauerte in ihrem eigenen Schatten, der sie wie jeden anderen Menschen auch immer und überall begleitete.
Noréy setzte das mitgebrachte Wasserglas an die Lippen, trank und schluckte dann hastig den Gran-Stein hinunter. Langsam glitt er durch ihre Kehle abwärts, sie spürte ihn die ganze Zeit. Dann, als sie noch einen Schluck trank, verschwand das Gefühl endlich.
Geschafft!
Noréy drückte ihren Rücken gegen den Balken des Holzregals, bis sich die Kanten schmerzhaft hineingruben. Die Zeit floss unendlich langsam. Wie lange würde sie warten müssen, um sicher zu sein?
Sie sah wieder auf ihren Schatten und zog mit der Fingerspitze seine verwaschene Kontur nach. So viel Elend, so viel Furcht brachten sie über die Menschen. Was mussten die Völker Abreliens nur angerichtet haben, um derart von den Göttern verflucht worden zu sein?
In der Schule lernten sie über den Großen Krieg, der vor fast