Kapitel 1Jagdfieber
Als Ember an Deck des SchiffsFrohes Herz stand, durchfuhr sie ein Schauer der Aufregung. Eine kühle Brise blies ihr den Geschmack von salzigem Seetang entgegen. Embers Blick wanderte über die Vorratstruhen und Wasserfässer, die sie mit Pa an Bord gehievt hatte. Doppelt so viele wie sonst, bei ihren üblichen Segeltouren. Schließlich hatte er ihr eine verfrühte Geburtstagsüberraschung versprochen. Seit Jahren bat sie darum, ihn auf Flammenjagd begleiten zu dürfen. Sollte ihr Herzenswunsch jetzt endlich in Erfüllung gehen?
Im Licht des hellen Wintermonds waren die Schaulustigen an der Kaimauer eingetroffen, um sich gute Plätze zu sichern. Manche standen, aber die meisten kuschelten sich dicht an dicht unter ihre Decken und ließen die Beine über dem Wasser baumeln. Blickte man über die Dampfwölkchen ihrer Atemzüge und ans Ende der Halbinsel, sah man den purpurgoldenen Lichtschimmer, der vom steinigen Rastplatz der Flammenvögel aufstieg. Wie Polarlichter schwebte er durch die Nacht. Ein Funken Hoffnung für alle Flammenstürmer in der Bucht, die sich nach einem Wunsch sehnten.
Nach einem langen Flug in Richtung Westen, über karges Ödland und verschneite Gebirge, waren die Flammenvögel gestern nach Leuchtfeuerstedt zurückgekehrt. Bald würden sie ihre Heimreise fortsetzen und aus den Steinklippen aufsteigen wie schillerndes Feuerwerk.
Mit einem Blech Zimtschnecken in der Hand bahnte sich Ember ihren Weg durch die herabhängenden Decklaternen zur Kombüse. Allein die Vorstellung, mit den Flammenvögeln durch den Sternenhimmel zu fliegen, ließ sie vor Glück aufseufzen. Ohne Wunsch wäre das natürlich unmöglich, aber es würde trotzdem ein wunderschönes Erlebnis sein, die magischen, wunschgewährenden Schwanzfedern über die Meere zu verfolgen. Und vielleicht, falls Pa und sie die Vögel bis in ihre Heimat begleiteten, würde sie eine Schwanzfeder finden und könnte sich ihre eigenen flammenden Flügel wünschen.
Ember stellte das Blech in der Kombüse ab und kehrte wieder auf das windige Deck zurück. Sie zog sich die Wollmütze tief über ihre roten Locken. Die Flammenjagd hatte Pa bisher immer abgelehnt. Niemand hatte es jemals geschafft, den Flammenvögeln bis in ihre Heimat zu folgen, denn ihre Flügelschläge waren zu schnell und die Westlichen Meere zu stürmisch. Ember zuckte bloß mit den Schultern. Nur weil es noch niemand geschafft hatte, bedeutete das doch nicht, dass es unmöglich war.
Fußstapfen polterten die Leiter aus dem Frachtraum hoch. Pas dunkle Locken erschienen in der Luke, bevor er zu ihr aufs Deck kletterte. »Wie sieht’s aus? Fliegen sie bald?« Ohne eine Antwort abzuwarten, lief er die Holzrampe hinab zur Kaimauer.
Ember blickte über die Köpfe der Schaulustigen zum Rastplatz der Flammenvögel. Das schimmernde Leuchten wirbelte noch schneller. Sie klatschte in die Hände. »Nicht mehr lange, bald fliegen sie nach Hause.«
»Ich wünschte, wir hätten mehr Zeit«, murmelte Pa und wuchtete sich eine weitere klobige Truhe auf den Rücken. Vornübergebeugt stapfte er über die Rampe, dann eilte er die Leiter in den Frachtraum hinab.
Bei seinem Anblick schüttelte Ember den Kopf, auch wenn ein Lächeln ihre Mundwinkel kitzelte. Zwar hatte Pa nicht ausdrücklich gesagt, sie würden auf Flammenjagd gehen, aber diese ganze Hektik bewies doch eindeutig, dass si