Erstes Kapitel
Alles ist alles. Alle Mächte bewegen sich gemeinsam und entstammen derselben Quelle.
Prophezeiung des kadmaranischen Mönchs Elan Adabbo. Als man sie dem Erhabenen Priester vorlegte, befand dieser, dass es nicht nötig sei, sie zu katalogisieren
Es gab vieles, auf das Lore heute keine Lust hatte. Früh aufstehen. Das Frühstück hinunterwürgen. Ihr Kopf fühlte sich an, als wäre er von tausend winzigen Hämmerchen bevölkert. Das lag an dem Wein, den sie vor dem Einschlafen in sich hineingekippt hatte, um sicherzugehen, dass sie nicht träumen würde. Die Kombination aus Schmerz und trockenem, saurem Mund führte dazu, dass selbst die köstlichsten Backwaren wie Abfallhaufen schmeckten. Sich anziehen stand auch nicht sonderlich weit oben auf der Liste der Dinge, die sie gern tun wollte, und deshalb hatte sie sich von Juliette, ihrer Zofe, in ein blass pfirsichgelbes Kleid stecken lassen. Bei ihrem Teint war es nicht vorteilhaft, aber sie hatte keine Energie gehabt, sich dagegen zu wehren. Das war typisch für sie in letzter Zeit: Sie hatte keine Kraft, für irgendetwas zu kämpfen.
Aber noch vor all diesen Unannehmlichkeiten stand eine Sache unverrückbar ganz oben auf der Liste, etwas, das sie auf keinen Fall tun wollte, und zwar, in die Katakomben zu gehen.
»Bist du bereit?« Bastian starrte in den eben geöffneten Brunnen, die Brauen tief zu den Augen gezogen. In der aufgehenden Sonne wirkten seine kräftig whiskeybraunen Augen etwas weniger dunkel. Um seine Finger wirbelte ein goldenes Flirren, Licht, das er aus der Luft gezogen hatte, so schwach, dass man es sich auch hätte einbilden können.
Doch Lore wusste, dass es keine Einbildung war.
Die Presquemorts, die im Kreis um den Brunnen herumstanden, konnten das Spiritum nicht sehen, da sie es nicht kanalisieren konnten. Trotzdem beäugten sie den Gebenedeiten König mit einer unausgegorenen Mischung aus Furcht und Bewunderung.
Obwohl er – zwar nicht als Inkarnation, aber doch der Stellung nach – der Herold der Rückkehr ihres Gottes war, mochten die Presquemorts Bastian Arceneaux nicht besonders.
»Nein«, antwortete Lore, wohl wissend, dass es keinen Unterschied machen würde. Nein, sie war nicht bereit, noch einmal in die Dunkelheit hinabzusteigen. Nein, sie war nicht bereit für den Versuch, den Leichen die ewige Ruhe wiederzugeben, den Opfern des Mortems, das Anton aus ihr herausgezogen hatte, um damit über Nacht ganze Dörfer auszulöschen.
Aber es warenihre Opfer. Sie lagen in ihrer Verantwortung.
Und obwohl sie sich einredete, dass sie nichts mehr verabscheute, als Mortem zu kanalisieren, juckte es sie in den Fingern.
Bastian sah sie an, als hätte er ihren Gedanken gehört. Beide Gedanken. Aber als er sich vom Brunnen abwandte und ihr die Hand an die Wange legte, ging er nur auf den ersten ein. »Es war nicht deine Schuld, Lore«, murmelte er zum unzähligsten Mal in den drei Wochen seit dem Tod seines Vaters. Seine Krönung war erst für übermorgen anberaumt, aber er füllte die Rolle des Königs bereits aus. »Anton war es, nicht du.«
Doch ohne sie wäre Anton dazu nicht in der Lage gewesen. Lores Fähigkeit hatte seine Pläne erst möglich gemacht, denn sie konnte die Magie kanalisieren, die aus dem Leichnam in der Gruft der Begrabenen Göttin unter der Zitadelle austrat. Auf diese Macht hatte Anton gewartet, während er beobachtet hatte, wie sie aufgewachsen war, und sich Schritt um Schritt ihrer Bestimmung genähert hatte, bis er sie hierhergebracht hatte, um Bastian zu bestricken.
Ihre Schuld. Es war alles ihr