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GROSSE HOFFNUNGEN
SHANNON
ES WAR DER 10. JANUAR 2005.
Ein völlig neues Jahr und der erste Schultag nach den Weihnachtsferien.
Und ich war nervös – so nervös, dass ich mich an diesem Morgen nicht weniger als dreimal übergeben musste.
Mein Puls schlug beunruhigend schnell, meine Angst bescherte mir einen scheinbar unregelmäßigen Herzschlag, ganz zu schweigen davon, dass ich andauernd würgen musste.
Ich strich meine neue Schuluniform glatt, betrachtete mein Spiegelbild im Badezimmer und erkannte mich kaum wieder.
Ich sah einen marineblauen Pullover mit dem Wappen des Tommen College auf der Brust, ein weißes Hemd und eine rote Krawatte. Einen grauen Rock, der bis zu den Knien reichte und zwei magere Beine entblößte. Dazu trug ich hellbraune Strumpfhosen, marineblaue Socken und schwarze, zehn Zentimeter hohe Pumps.
Ich sah aus wie eine Fälschung.
Und ich fühlte mich wie eine.
Mein einziger Trost war, dass die Schuhe, die Mam mir gekauft hatte, mich auf eine Größe von 1,70m wachsen ließen. Ich war in jeder Hinsicht lächerlich klein für mein Alter.
Ich war sehr dünn, unterentwickelt und hatte Brüste wie Spiegeleier, die offensichtlich noch nicht von der Pubertät erfasst worden waren, wie die aller anderen Mädchen in meinem Alter.
Ich hatte lange braune Haare, die mir von einem schlichten roten Haarband aus dem Gesicht gehalten wurden und mir offen über den Rücken fielen. Mein Gesicht war ungeschminkt. Dadurch sah ich so jung und klein aus, wie ich mich fühlte. Meine Augen waren zu groß für mein Gesicht und schockierend blau.
Ich versuchte meine Augen zusammenzukneifen, um zu sehen, ob meine Augen dadurch menschlicher aussahen, und bemühte mich, meine wulstigen Lippen zusammenzupressen, indem ich sie in den Mund zog.
Fehlanzeige.
Das Zusammenkneifen ließ mich nur aussehen, als hätte ich Verstopfung.
Mit einem frustrierten Seufzer berührte ich meine Wangen mit den Fingerspitzen und atmete scharf aus.
Was mir an Körpergröße und Brustumfang fehlte, machte ich durch Reife wett. Ich war besonnen und eine alte Seele.
Nanny Murphy sagte immer, ich sei mit einem alten Kopf auf den Schultern geboren worden.
Bis zu einem gewissen Grad stimmte das auch.
Ich war nie jemand, der sich von Jungs oder Modeerscheinungen aus der Ruhe bringen ließ.
Das war einfach nicht meine Art.
Irgendwo hatte ich mal gelesen, dass man mit dem Schaden reift, nicht mit dem Alter.
Wenn das stimmt, dann war ich emotional eine Rentnerin.
Ich habe mir oft Sorgen gemacht, dass ich nicht so ticke wie andere Mädchen. Ich hatte nicht die gleichen Wünsche oder das gleiche Interesse am anderen Geschlecht. Ich interessierte mich für niemanden: Jungs, Mädchen, berühmte Schauspieler, heiße Models, Clowns, Hundebabys, ... Na gut, für süße Welpen und große, flauschige Hunde interessierte ich mich schon, aber den Rest konnte ich mir schenken.
Ich hatte keinerlei Interesse an Knutscherei, Gefummel oder Streichel