1. Kapitel
OPALINE
London, 1921
Ich strich mit der Fingerspitze über den Buchrücken, ließ sie von den Einkerbungen des geprägten Umschlags zu etwas Greifbarem leiten; zu etwas, an das ich mehr glaubte als an die Fiktion, die sich vor mir abspielte. Einundzwanzig Jahre alt – und meine Mutter hatte beschlossen, dass es für mich an der Zeit wäre, zu heiraten. Mein Bruder Lyndon hatte – wenig hilfreich – eine geistlose Kreatur gefunden, die gerade das Familienunternehmen geerbt hatte; irgendetwas, das mit dem Import von diesen oder jenen Gütern aus fernen Ländern zu tun hatte. Ich hatte kaum zugehört.
„Für Frauen deines Alters gibt es nur zwei Optionen“, hatte Mutter verkündet und ihre Tasse samt Untertasse auf das Tischchen neben ihrem Sessel gestellt. „Die eine ist, zu heiraten, und die andere, eine ihrer Herkunft entsprechende Anstellung zu finden.“
„Herkunft?“, wiederholte ich leicht ungläubig. Ich schaute mich in dem Salon mit der abgeblätterten Farbe und den verblichenen Vorhängen um und musste Mutters Eitelkeit bewundern. Sie hatte unter ihrem Stand geheiratet und meinen Vater ständig daran erinnert, damit er es ja nie vergaß.
„Muss das jetzt sein?“, fragte mein Bruder, als Mrs. Barrett, unsere Haushälterin, die Asche aus dem Kamin fegte.
„Madam hat nach einem Feuer verlangt“, antwortete sie in einem Ton, der keinerlei Anzeichen von Respekt enthielt. Sie war bei uns, solange ich zurückdenken konnte, und nahm nur Befehle von meiner Mutter entgegen. Den Rest von uns behandelte sie wie billige Hochstapler.
„Tatsache ist, dass du heiraten musst“, betete Lyndon die Worte meiner Mutter nach, während er durch das Zimmer humpelte und sich dabei schwer auf seinen Gehstock stützte. Er war achtzehn Jahre älter als ich, und die gesamte rechte Seite seines Körpers war verzerrt, nachdem er während des Krieges in Flandern von einem Schrapnell getroffen worden war. Der Bruder, den ich einst gekannt hatte, war irgendwo auf diesem Schlachtfeld begraben zurückgeblieben. Das Grauen, das er in seinen Augen hielt, machte mir Angst, und auch wenn ich es nicht gerne zugab, fürchtete ich mich inzwischen vor ihm. „Er ist eine gute Partie. Vaters Pension reicht kaum, damit Mutter das Haus führen kann. Es ist an der Zeit, dass du deinen Kopf aus den Büchern hebst und dich der Rea