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Lucy
Liebe Edna,
lass uns bitte den Part überspringen, in dem du behauptest, du hättest es mir gleich gesagt, in Ordnung? Das ist nicht nett (war es die letzten 20 Jahre übrigens auch nicht) und hat noch nie den kleinsten Millimeter weitergeholfen. Wenn ich es recht bedenke, will ich mich auf eine derartige Diskussion ohnehin nicht einlassen – was geschehen ist, ist geschehen, nicht mehr rückgängig zu machen, es gibt nichts zu bereuen. Hatte ich mir den Umzug nach England ein kleines bisschen romantischer vorgestellt? Schon möglich. Hätte ich vorher vielleicht etwas weniger Bridgertonschauen sollen, dafür ein paar mehr Folgen von dieser Serie …wie hieß sie noch? Über diese sozial schwache Familie in Manchester, bei der alle auf einmal zu Alkoholikern werden oder so ähnlich? Gut, egal, lassen wir das. Sagen wir einfach: Ein bisschen mehr Realismus würde manchmal ganz sicher nicht schaden. Allerdings ist Manchester nicht Brighton, und Brighton ist wirklich fabelhaft, Brighton ist …
Ein dumpfes Rumpeln lässt mich zusammenzucken, und erschrocken blicke ich auf. Das kam aus dem Wohnzimmer. Glaube ich zumindest. Es ist meine erste Nacht hier, das Apartment ist neu und fremd und die Geräusche in diesem alten englischen Haus sind es ebenfalls. Ich lausche in die Stille.
Nichts.
Ich lege den Kopf schief.
Immer noch nichts.
Ich … sollte nachsehen, nehme ich mal an.
Also klappe ich das Tagebuch zu und lege es neben mich auf das Fensterbrett, auf dem ich gerade noch gesessen habe. Ein Halleluja für diese geräumige Küchenfensterbank, die mir wenigstens eine Sitzgelegenheit offeriert in diesen ansonsten gähnend leeren Räumen. Gerade wollte ich Edna davon erzählen, dass die Möbel nun leider doch nicht pünktlich angekommen sind, allerdings hatte ich vor, es ihr schonend beizubringen. Für ein Tagebuch kann Edna ziemlich rechthaberisch sein. Und nachdem sie mich von Anfang an vor diesem Umzug quer über den Globus gewarnt hat, sollte ich die schlechten Nachrichten besser häppchenweise präsentieren.
Auf Zehenspitzen schleiche ich vom Fenster in Richtung Küchentür, die weit offen steht. Ich mag geschlossene Türen nicht, denn sie vermitteln mir das Gefühl, nicht zu wissen, was dahinter passiert, und das beunruhigt mich. Dunkelheit übrigens auch, weshalb ich mehr als dankbar dafür bin, dass in diesem nicht-möblierten, bis auf eine abgenutzte Küchenzeile sehr leer geräumten Apartment immerhin zwei Glühbirnen den Ausräumwahn meiner Vormieter überlebt haben. Eine davon baumelt von der Küchendecke, die andere befindet sich im Gang. Dort lege ich den Schalter um und halte dann einige Sekunden inne.
Nach wie vor ist alles ruhig, dem Himmel sei Dank. Das Geräusch vorhin, es kam vermutlich von den alten Holzdielen, die ganz von allein knarzen und knirschen, weil Holz nun mal ganz von selbst knarzt und knirscht, richtig? Oder von den Rohren, die vor sich hin quietschen, wenn irgendwer irgendwo im Haus die Spülung betätigt? Wahrscheinlich kam es von draußen, denn die Kassettenfenster sind auch schon ziemlich in die Jahre gekommen, weshalb die Gespräche von den R