Red
»Und, was denkst du?«
Red stand mit geschürzten Lippen auf dem Weg vor dem Haus. Das warnicht das, was er sich vorgestellt hatte. Etwas Burgähnlicheres hatte er sich ausgemalt, mit großen Toren. Nicht unbedingt mit Zugbrücke und Wassergraben, aber mit Türmchen und Flagge und einem Garten so groß wie ein Park.
Offensichtlich war seine Fantasie wieder mit ihm durchgegangen.
Das hatte seine alte Lehrerin Mrs. Rennie immer gesagt. »Du musst aufpassen, dass deine Fantasie nicht mit dir durchgeht, Red.« Allerdings hatte das nur dazu geführt, dass er sich das WortFANTASIE als Zeichentrickfigur mit Armen und Beinen vorstellte, die seine Hand packte und ihn mit sich fortriss.
Und ja, dieses Mal war seine Fantasieauf jeden Fall mit ihm durchgegangen, denn das, was er jetzt betrachtete … war eine Enttäuschung.
Es sah so langweilig aus wie ein gewöhnliches Haus. Das kleinste in einer Reihe kleiner Häuser. Und während Red nun dieses Reihenmittelhaus aus rotem Backstein anstarrte, fand er etwas bestätigt, was er schon geahnt hatte. Die Entscheidung, ihr Haus in Stanhope Gardens zu verlassen, war ein furchtbarer Fehler gewesen, und wenn irgendjemand sich die Mühe gemacht hätte, ihn zu fragen, hätte Red ihm das auch sagen können.
Er hatte von Anfang an nicht umziehen wollen, hatte das Haus, in dem sie mit Dad gewohnt hatten, nicht verlassen wollen. Red wusste wirklich nicht, warum sie, bloß weil Dad jetzt mit dem »Busenwunder« zusammenwohnte, ans andere Ende von London ziehen mussten – und indas hier.
Aber seine Mum hatte darauf bestanden. Sie hatte gesagt, das neue Haus würde bestimmt »cool« sein. Sie hatte gesagt, es würde »fantastisch« sein.
Es war nicht cool. Es war nicht fantastisch.
Als Red nicht antwortete, fragt seine Mum noch einmal: »Und, was denkst du?« Sie rieb seine Hand, die sie in ihrer hielt. »Von innen ist es wirklich schön. Und es gibt drei Schlafzimmer, das heißt, in einem können wir ein Spielzimmer mit einer Höhle einrichten. Das wird super.«
Super. Fantastisch. Cool. Allmählich fragte Red sich, ob seine Mum wusste, was diese Worte wirklich bedeuteten.
»Und?«, sagte sie noch einmal.
Es war nur ein winziges Wort, aber diesmal bekam Red etwas von der Hoffnung mit, die darin lag, aber auch von der Traurigkeit über seine Reaktion, und er fühlte sich plötzlich schuldig.
Er verstand nicht alles, was im vergangenen halben Jahr passiert war. Genau genommen verstand ernichts von dem, was im vergangenen halben Jahr passiert war,