2. Viola
Noch bevor die erste Schulstunde begann, war es in unserer Klasse schon richtig rundgegangen.
Jimmy Woods hatte sich mit Evan Carter geprügelt, Owen Cline hatte Mallory Lesters Wasserfarbkasten von ihrem Pult geklaut und mit Tom Severins Hilfe auf dem Klassenschrank versteckt, und Jeannie Pitts heulte wie ein Schlosshund, weil Annie Clover »Pitbull, Pitbull« gerufen und dazu gebellt hatte wie ein Hund.
Irgendwann kam unsere Lehrerin Mrs Hersham hereingeschossen. Sie nahm das große Lineal, das neben der Tafel hing, und schlug damit so fest auf den Tisch, dass es sich durchbog.
»Ich mache Kleinholz aus euch«, brüllte sie, »und damit baue ich eine Wallfahrtskirche!«
Das wirkte. Niemand wollte als Holzstückchen in der Wand einer Wallfahrtskirche enden, und dass Mrs Hersham aus uns Kleinholz machenwürde, daran bestand kein Zweifel.
Mrs Hersham war groß und kräftig, und auch ihre hellrosa Kleidung konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie alles andere als harmlos war.
»Sie sieht aus wie einMarshmallow«, hatte Owen Cline damals gesagt, als Mrs Hersham zum ersten Mal in ihrem hellrosa Mantel in unser Schulzimmer gedampft kam wie ein Schneepflug. Seitdem nannten wir Mrs Hersham heimlichMarshie. Marshie konnte richtig wütend werden, und wir verstummten alle augenblicklich, als Marshie sich vorne am Pult aufbaute wie ein über dem Feuer aufschäumendes Marshmallow.
»Ich muss noch mal ins Lehrerzimmer«, verkündete Marshie. »Wenn ich zurückkomme, ist hier alles tipptopp in Ordnung. Wer auch immer es war, der den Wasserfarbkasten auf den Schrank gelegt hat, holt ihn runter und gibt ihn zurück. Und, Annie, wenn ich dich noch einmal bellen höre, bringe ich dich höchstpersönlich ins Tierheim. Hunde gehören nicht in meine Klasse.«
Marshie lässt keine Gelegenheit aus, uns daran zu erinnern, dass Tiere in unserer Klasse nicht erwünscht sind. Das hat einen guten Grund, aber davon erzähle ich später.
Tatsächlich war es still wie in einer Kirche, als wir kurz darauf Marshies Schritte wieder draußen auf dem Gang hörten. Wir wollten alle nicht zu Kleinholz gemacht werden, und Annie wollte nicht ins Tierheim. Dann ging die Tür auf, und Marshie wogte herein. Sie war aber nicht allein. Hinter ihr betrat ein Mädchen unsere Klasse. Die Stille wurde, falls das möglich ist,noch stiller.
»Das hier ist Viola Burrow«, sagte Marshie. »SagHallo, Viola.«
»Hallo, Viola«, sagte Viola Burrow.
Wir mussten alle lachen.
»Viola ist mit ihren Eltern und Großeltern aus Virginia hergezogen«, erklärte Marshie. »Ich hoffe, ihr seid nett zu ihr und werdet gute Freunde!« Dann wedelte sie mit den Armen, und wir wussten, dass wir Viola begrü