Kapitel 1
London, 2020 im Januar
»Guten Morgen, werte Frau.« Nigel war die Höflichkeit in Person. »Willkommen in der Kanzlei Harrowmore Souls. Was kann ich für Sie tun?«
»Allison?« Tante Ethel stellte ihre Einkaufstaschen vor sich auf den Fußboden und rief noch einmal laut: »Allison! Sag deinem dienstbaren Geist, er kann seinen Schreibtisch nicht einfach mitten in meinem Flur aufstellen! Wie komme ich denn nun mit den Lebensmitteln in die Küche?«
»Allison und Conny sind nicht zuhause«, erklärte Nigel so liebenswürdig wie möglich. »Sie sind auf der Suche nach neuen Geschäftsräumen für die Kanzlei. Wie jeden Tag, seit wir aus unserem alten Domizil vertrieben worden sind.«
»Gut für sie«, bellte Tante Ethel, riss sich die Baskenmütze von den feinen hellroten Haaren und warf sie über Nigel hinweg an einen Garderobenhaken. »Das ist wirklich kein Zustand mehr. Es ist eine Sache, sie und Conny in meinem Gästezimmer zu beherbergen. Ich weiß, wie schwer es ist, in London eine Unterkunft zu bekommen. Aber dass jetzt auch ihr Hausgespenst samt seiner Putzfrau …«
»Meiner Verlobten«, verbesserte Nigel und verspürte einen Anflug von Ärger. »Und die unternimmt seit unserer Ankunft alles, um Sie bei Laune zu halten. Die Wohnung blitzt und blinkt.«
»Nur kann man nicht mehr darin wohnen«, fauchte Tante Ethel. »Aktenschränke in der Badewanne, Schreibtische im Flur!«
»Das ist ab sofort der Empfangsraum.« Nigel sah betrübt auf seine Tischplatte, wo die Kanzlei-Ente Hng, gerade ein Dokument zerpflückte. Auch das Firmenmaskottchen wusste nicht, wohin mit sich und schnatterte nervös vor sich hin. »Es ist nicht unsere Schuld, dass Mister Keagan Eigenbedarf angemeldet hat. Würden Sie das Gleiche im Fall Ihrer zweiten Wohnung tun, könnten wir sofort umziehen.«
»Ich habe Livies ehemaliges Zuhause an sehr freundliche Leute vermietet, die mich einmal im Jahr zu einem traditionell indischen Essen einladen. Und es liegt mir fern, unsere Probleme zu ihren zu machen. Allison ist es, die eine Lösung finden muss.« Tante Ethel schob den Tisch samt Hng ein gutes Stück zurück, ohne Rücksicht auf den dahinter sitzenden Nigel zu nehmen, und quetschte sich durch den entstandenen Spalt bis in ihre Küche.
»Sie ist ja dabei, eine annehmbare Alternative aufzutreiben«, erinnerte Nigel die zierliche Dame noch einmal und wünschte sich nichts sehnlicher, als dass Allisons Bemühungen endlich von Erfolg gekrönt sein würden.
Im Grunde war Tante Ethel ein herzensguter Mensch, aber eine wochenlange Belagerung durch drei Personen inklusive Geist und plus Ente tat ihrem Nervenkostüm nicht gut.
Zudem lief der Kanzleibetrieb weiter und die Belästigungen durch Geister in London und Umgebung riss nicht ab.
Obwohl sich die meisten Sichtungen als Irrtümer herausstellten, musste ihnen doch nachgegangen werden.
Und nahezu jeder Zeuge eines Spuks wurde nun, da Nigel ihre Adresse