Ausgesetzt
In einer Barke von Nacht
Trieb ich
Und trieb an ein Ufer.
An Wolken lehnte ich gegen den Regen.
An Sandhügel gegen den wütenden Wind.
Auf nichts war Verlaß.
Nur auf Wunder.
Ich aß die grünenden Früchte der Sehnsucht,
Trank von dem Wasser das dürsten macht.
Ein Fremdling, stumm vor unerschlossenen Zonen,
Fror ich mich durch die finsteren Jahre.
Zur Heimat erkor ich mir die Liebe.
Mascha Kaléko »Die frühen Jahre«
PROLOG
Krakau, April 1943
Die untergehende Sonne taucht die Stadt an der Weichsel in ein diffuses Licht. Aus ihrer Gefängniszelle kann Gusta Dawidson Draenger nur auf den Zehenspitzen stehend durch einen kleinen vergitterten Schacht nach draußen sehen. Sie erkennt Ausschnitte von einem Gebäude, die Stiefel der Wachtposten. In der Ferne Stacheldraht, ein Wachhaus. Irgendwann hat die meistgesuchte Widerstandskämpferin Krakaus jegliches Zeitgefühl verloren. Sie orientiert sich an Geräuschen, am Lichteinfall.
Wie lange schon sitzt sie hier ein, in diesem drei Quadratmeter großen Raum mit nichts als einem Eimer für ihre Notdurft und einer Pritsche? Wochen, Monate? Manchmal schieben sich vorbeiziehende Wolken am Himmel vor die Sonne und werfen Schatten in die feuchte Zelle mit der Nummer 15. Sie stellt sich vor, wie sie hoch über den Dächern ihrer Heimatstadt, jener, in der sie vor sechsundzwanzig Jahren geboren wurde, weiterziehen.
Tagtäglich hört sie das Geschrei der Wächter im Gefängnis. Sie brüllen, obgleich alle Insassen umgehend ihre Befehle befolgen. Genauso haben die Deutschen auf den Plätzen des Ghettos gebrüllt, auf den Straßen, vor den Geschäften, bei Festnahmen, bei Appellen, beiAussiedlungen, wie sie ihre Deportationen zynisch genannt haben.
Noch furchterregender sind jedoch diejenigen Deutschen, die schweigen, das hat Gusta in den zwei Jahren im Ghetto gelernt. Aus dem Nichts konnten sie eine Waffe ziehen, wahllos auf Menschen schießen und anschließend ihre Hunde streicheln.
Der jüdische Widerstand Akiba hat sich von alldem nicht einschüchtern lassen, nicht von Schlägen, nicht von Schreien oder Drohungen, nicht von den grausamen Verhörmethoden der Deutschen. Gusta hat aufgehört, die Folterungen zu zählen, bei denen sie irgendwann ohnmächtig wurde, weil ihr schmaler Körper die Schmerzen nicht mehr aushielt.
»Wie heißen deine Komplizen? Namen, wir brauchen Namen, du jüdische Schlampe! Wer hat das Attentat geplant?«
Gusta hat Wunden davongetragen, seelische und körperliche, aber ihr innerer Widerstand ist daran nur gewachsen. Wut kann ungeahnte Kräfte bündeln. Besonders schlimm ist der Schlafentzug, das permanente An- und Ausgehen des Lichts in der Sonderzelle. Dort bleibt ihr nur das Gebet.
»Wir müssen die Kühnheit unserer Angreifer besitzen, um gegen unsere Peiniger zu bestehen«, hat Marek seine Mitstreiter immer wieder angetr