KAPITEL 1
An einem Donnerstag Anfang Juli 1914 ging eine junge Frau am Spätvormittag mit nassem dunklen Haar vom Serpentine-See im Hyde Park mit großen Schritten auf der Oxford Street in Richtung Marylebone. In der einen Hand hielt sie einen cremefarbenen Sonnenhut aus Leinen, in der anderen ein marineblaues Handtuch, in das ein feuchter Badeanzug und ein Paar Seidenstrümpfe eingewickelt waren.
Obwohl sie es offensichtlich eilig hatte, verfiel sie nicht in einen Laufschritt – es war einfach zu heiß, und auf den Bürgersteigen herrschte schon dichtes Gedränge. Es hätte zudem nicht ihrer Art entsprochen, in der Öffentlichkeit körperliche Anstrengung zu zeigen. Aber sie ging, groß und schlank und aufrechten Kopfes, so schnell und zielstrebig, dass ihr die meisten Passanten unwillkürlich Platz machten.
Es war kurz nach Mittag, als sie um die Ecke in die Straße mit der georgianischen Häuserreihe bog, wo sich die Londoner Stadtresidenz ihrer Eltern befand. Am Straßenrand stand der Postbote, der seine Mittagszustellung gerade erledigt hatte und vor dem Eingang des herrschaftlichen weißen Stuckgebäudes seine Tasche inspizierte.
Glücklicherweise hatte sie es rechtzeitig geschafft.
Sie überquerte die Straße, wünschte dem Postboten einen schönen Tag, schlüpfte an ihm vorbei unter den Säulenvorbau und betrat durch die breite Tür das hochsommerlich stickige Halbdunkel der Eingangshalle.
Die Briefe lagen in ihrem Drahtkorb.
Sie konnte den vertrauten Umschlag gerade noch herauspicken, bevor der Diener aus den Tiefen des Hauses auftauchte, um die Post ihres Vaters zu holen. Sie verbarg den Brief unter ihrem Hut, reichte dem Diener den restlichen Stapel und war schon halb die Treppe nach oben gegangen, als ihre Mutter, Lady Sheffield, ihr aus dem Frühstückszimmer etwas zurief: »Wie war das Wasser, Liebling?«
Ohne stehen zu bleiben, rief sie zurück: »Himmlisch!«
Sie schloss ihre Zimmertür hinter sich, warf die Badesachen auf den Boden und den Hut auf den Toilettentisch, zog das Kleid über den Kopf und ließ sich aufs Bett fallen.
Sie lag rücklings da und hielt den Brief mit beiden Händen hoch.
An die ehrenwerte Venetia Stanley, 18Mansfield Street, Portland Place, London, W.
Sie schob den Finger unter die Lasche, riss den Umschlag auf und zog ein dickes, einmal gefaltetes Blatt Briefpapier mit Datum des Tages heraus.
2. Juli 1914
Meine Stimmung ist heute Morgen doch um einiges besser – vor allem dank Dir. Ich hoffe, ich habe Dich gestern nicht über Gebühr deprimiert. Du warst sehr liebevoll und mitfühlend und hast mir wie immer geholfen. Ich bin Dir aufrichtig aus tiefstem Herzen dankbar. Vermutlich springst Du in diesem Augenblick in Gesellschaft von Lady Scott irgendwo ins Wasser. Vor mir liegt ein ziemlich trübseliger Tag, unter anderem habe ich um halb fünf eine Unterredung mit dem König. Ottoline hat mich für heute zum Abendessen gebeten, es ist also gut möglich, dass ich Dich dort zu sehen bekomme … Sei gesegnet, mein Liebling.
Keine Unterschrift. Seit kurzem ließ er Vorsicht walten und benutzte weder ihren noch seinen Namen.
Sie las den Brief noch einmal. Er erwartete sicher eine prompte Antwort und würde sich Sorgen machen, wenn sie