KAPITEL 2
BROOKE
Ich ziehe den Cursor meines Laptops ein Stückchen nach innen und verkleinere den Umfang meines Oberschenkels auf perfekte Barbie-Maße. Vom Bildschirm starrt mir mein lächelndes Gesicht entgegen, während ich meinen Körper zu einer perfekt einstudierten Pose verrenke: den Arm ausgestreckt, damit er so schlank wie möglich wirkt, den Oberkörper ganz leicht von der Kamera weggedreht, den Bauch eingezogen.
Die Sinnlosigkeit meiner Bemühungen langweilt mich, und so lasse ich mich unter Seufzen an die Rückenlehne meines Stuhls sinken. Zwar sitzen noch ein paar andere Gäste im Tiki Palms herum, aber da die Frühstückswelle bereits abgeebbt ist und der Ansturm auf das Mittagessen noch nicht eingesetzt hat, geht es im offiziellen Open-Air-Restaurant des Koh-Sang-Tauchresorts – mit angeschlossener Strandbar – relativ beschaulich zu. Ich nippe wieder einmal an meinem Eiskaffee, an dem ich mich seit einer Stunde festhalte. Auch wenn hier alles sehr billig ist, habe ich keinen Baht für ein zweites Glas übrig.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Gästen habe ich mir einen Platz in der Ecke des Restaurants ausgesucht, mit dem Rücken zum Meer. Nach zwei Wochen auf der Insel habe ich mich an den atemberaubenden Anblick des zartblauen Wassers gewöhnt, das in sanften Wellen auf den weißen Strand schwappt. Die Farben wirken übersättigt wie durch einen Instagram-Filter. Also blicke ich lieber in Richtung Resort und beobachte das Kommen und Gehen der Gäste. Das ist sehr viel interessanter.
Die Ferienanlage schmiegt sich an eine Hügelflanke, wie die meisten anderen Gebäude entlang der zerklüfteten Inselküste auch. Von meinem Platz aus kann ich den Pfad sehen, der vom Strand steil nach oben zur Hauptstraße führt. Perfekt beschnittene Palmen und magentafarbene Blumenbeete umgeben die motelartigen Gebäude mit den Gästezimmern. An der einzigen größeren flachen Stelle befinden sich zwei Pools – einer zum entspannten Planschen und einer für das Tauchtraining. Dahinter durchschneidet eine der Hauptstraßen der Insel das Resort, das sich auf der anderen Straßenseite noch weiter ausbreitet. In der nördlichen Hälfte gibt es einen noch größeren Infinity-Pool, wo in aller Regel die Partys stattfinden, dazu einen Whirlpool, ein Fitnesscenter, ein Yogastudio und weitere Gästezimmer. Alles in allem nimmt die eineinhalb Kilometer lange bebaute Fläche ungefähr ein Viertel der Insel ein.
Ich sehe eine Tauchergruppe den steilen Pfad hinuntergehen. Sie haben ihre Flossen in der Hand und die Tauchermasken um die Handgelenke geschlungen. Offensichtlich wollen sie zum Tauchladen, der Hauptattraktion des Resorts. »Koh Sang: Taucherinsel mit Partyproblem« steht auf dem Rücken der T-Shirts, die man beim Empfang des Resorts kaufen kann. Mein Blick wandert weiter und bleibt bei einer schmächtigen Gestalt hängen, die der Gruppe in sechs, sieben Metern Entfernung folgt. Im Gegensatz zu den Tauchern hat sie nichts in der Hand. Sie ist zierlich, hat zarte Gesichtszüge und feines hellbraunes Haar.
Normalerweise würde ich sie nicht weiter beachten, aber jetzt sieht sie mir direkt ins Gesicht. Ich halte ihrem Blick eine Sekunde lang stand, bin mir sicher, dass sie sich gleich wieder abwenden wird, aber das macht sie nicht. Irgendwie kommt sie mir bekannt vor, erinnert mich an jemanden. Ich gehe im Geist eine Liste mit allen möglichen ehemaligen Bekanntschaften, Instagramkontakten und sogar Familienmitgliedern durch, aber ohne Erfolg.
Jetzt gibt es eigentlich nur noch eine Erklärung: Das ist eine Followerin, die unverhofft ihre Lieblings-Influencerin erkannt hat. Bis jetzt bin ich noch nicht oft von meinen Social-Media-Followern persönlich angesprochen worden, aber jedes Mal habe ich mich dabei unwohl gefühlt. Ich weiß, was sie von mir erwarten: die sprudel