Die Sonne war eben aufgegangen, in den Talmulden lag noch zäher Nebel, und der klare Herbsthimmel leuchtete in jenem zarten Blassblau, das der dritten Jahreszeit in Grafenberg im Oberbayerischen eigen war.
Die kleine Gemeinde am Fuße des Wendelsteins lag in einem waldreichen Tal. Im Norden erhob sich die charakteristische Spitze des Kleinen Traithen auf eine Höhe von über 1700 Metern. Sie war das ganze Jahr über schneebedeckt, und ihr Gipfelkreuz strahlte bei Sonnenschein weit ins Land.
Südlich erstreckte sich Bayrischzell, die nahe Kreisstadt. In westlicher Richtung gelangte man über die schmale Landstraße nach Osterhofen, dem Nachbardorf von Grafenberg.
Im Osten schließlich fand sich der Stocker, der Hausberg des Ortes. An seinem Fuß lag das Nessler Tal, ein vom Klima sehr begünstigter Flecken, besonders gut für die Landwirtschaft geeignet. Aber hier gab es auch zwei Fremdenpensionen, denn die liebliche Landschaft stand bei Wanderern und Kletterern hoch im Kurs.
An der Westseite des Stocker führte Sepp Angerer seit einigen Jahren eine Kletterschule. Mit eher bescheidenem Erfolg, wie man sich in Grafenberg erzählte.
Die Angerers stammten nicht aus dem Tal, Sepp und seine drei Söhne waren nicht sonderlich beliebt, denn keiner von ihnen hatte die Arbeit erfunden, und alle waren dabei, wenn sich die Gelegenheit bot, einen schnellen Euro zu machen. Ob dies dann auf legale Weise geschah oder nicht, schien ihnen herzlich egal zu sein.
Bis zu Trude Angerers Tod vor ein paar Jahren hatte Sepp sich zumindest noch den Anstrich von Seriosität gegeben. Nun war es ihm einerlei, was die Leute von ihm dachten. Und dass seine drei Sprösslinge ausgemachte Hallodris waren, störte ihn ebenso wenig.
Ganz in der Nähe des Nessler Tals, südlich von Grafenberg, lag das Forsthaus. Inmitten eines himmelhohen Föhrenwaldes fand sich das rustikale Gebäude, das aus massiven Holzbohlen errichtet war und mit dem schindelgedeckten Dach und den kleinen Fenstern einen urigen Eindruck machte.
Der Weg bis zum Dorf dauerte zu Fuß etwa eine halbe Stunde. Mit dem Auto erreichte man vom Forsthaus aus nur in der warmen Jahreszeit Grafenberg, denn im Winter war der breite Waldweg, der herführte, meist mehrere Meter hoch zugeschneit. Und die Räumfahrzeuge der Gemeinde kamen nicht bis hierher.
An diesem sonnigen Herbstmorgen war es angenehm warm im Forst. Die Sonne hatte genügend Kraft, um den Tau auf den Blättern zu trocknen, die sich allmählich bunt verfärbten. Golden drang das Sonnenlicht zwischen den mächtigen Ästen der Föhren bis hinunter auf den Boden und ließ Spinnenweben funkeln und rote und blaue Beeren leuchten. Nach einigen Regentagen lugten bereits die ersten Pilze