WAHRHEIT ODER LÜGE
Klatsch! Zwei Lateinhefte landen vor Fritzi auf dem Tisch, sie schreckt hoch. Herr Mollenhauer klopft ihr sachte, beinahe väterlich auf die Schulter. »Wir reden dann nach der Stunde«, murmelt er und verteilt die restlichen Arbeiten.
Fritzi ist irritiert, das hat er noch nie gemacht und so was hat er auch noch nie gesagt! Das war nicht streng, das war bedauernd, beinahe mitleidig. Fritzi blickt von ihrem Lehrer zu den Klassenarbeitsheften auf dem Tisch.
Chiara zieht das obere zu sich herüber. »Schon wieder nur ’ne Eins minus«, stellt sie enttäuscht fest.
Fritzi öffnet ihr Heft und schlägt es auf halbem Weg direkt wieder zu. Eine rote Sechs leuchtet wie ein Nachhallbild vor ihrem inneren Auge. Das kann nicht sein. So schlecht war sie nicht! Oder doch? Sie hatte extra unzählige Verabredungen mit Jannik abgesagt, nur um für diese Arbeit zu lernen! Vielleicht hat sie sich verguckt? Fritzi wirft einen zweiten Blick in ihr Heft. Der unordentliche rote Kringel steht genau da, wo die Note stehen soll – unter ihren letzten Sätzen, neben Herrn Mollenhauers Kürzel und der Punktzahl: drei von 66 Punkten. Ihr Mund wird schlagartig trocken und ihre Wangen unangenehm heiß, sie glühen förmlich. Fritzi versucht sich zusammenzureißen. Ein Kloß steigt in ihrem Hals auf. Jetzt nicht weinen! Jetzt bloß nicht weinen! Auch ihr Magen fühlt sich unangenehm leer an, dabei hat sie eigentlich ganz gut gefrühstückt. Während Herr Mollenhauer den Klassenspiegel an die Tafel schreibt, ringt Fritzi weiter um Fassung.
Keine Vier, keine Fünf, eine Sechs. Sie ist die einzige Dumme hier. Mit einem Mal wird Fritzi speiübel, sie muss aufstoßen und schmeckt Magensäure. Sie greift nach ihren Sachen und fängt einen besorgten Blick von Chiara auf. Auch Peti sieht sie fragend an. Fritzi läuft ohne ein weiteres Wort aus dem Klassenzimmer.
»Fräulein Winter?«, tönt Herr Mollenhauer und kommt mit großen Schritten hinter ihr her. »Fräulein Winter?«
Am Treppenabsatz dreht Fritzi sich zu ihm um, sie müht sich, all ihre Gefühle unter Verschluss zu halten. »Ich muss aufs Klo«, japst sie und stürmt die Treppe hinunter. Sie ist so schnell, dass sie jeden Augenblick die Kontrolle über ihre Füße zu verlieren droht. Ihre Vans berühren kaum noch die einzelnen Stufen. Sie zerrt die schwere Tür zum Hof auf und spuckt einen Mundvoll ihres Frühstücks in den Busch. Heiße Tränen rinnen über ihre Wangen. Fritzi saugt die kühle Morgenluft ein. Sie versucht sich zu beruhigen, doch es kommen immer mehr Tränen. Eine Sechs in Latein. So eine Scheiße!
Es dauert keine zwei Minuten, da fliegt die schwere Treppenhaustür hinter ihr auf. Peti und Chiara stürmen auf sie zu. »Fritzi!«
Sie wischt sich mit dem Ärmel ihrer Jeansjacke über die Wangen, versucht ihre Gefühle zu verbergen.
»Was ist los, was ist passiert?«, fragt Chiara besorgt